„So, jetzt reicht‘s“ – ein R2C2-Mitglied berichtet von der Ausgangssperre auf Mallorca


Wolfgang van Wersch bleibt derzeit meist zu Hause in Llucmajor, Balearen, Spanien – es herrscht auf Mallorca Ausgangssperre. Wie das R2C2-Mitglied diese erlebt, schildert Wolfgang in seinem Bericht.

Seit über sechs Jahren wohne ich des Wetters wegen mit meiner Frau auf Mallorca. Ich fahre leidenschaftlich gerne Rennrad und habe das Glück dauerhaft dort zu wohnen, wo ich sonst nur zwei bis drei Wochen jährlich zum trainieren war.

Ein Bild aus freieren Zeiten: Wolfgang im R2C2-Trikot auf seiner Insel

Prinzipiell wollte ich zum Erlebten hier auf Mallorca während der Ausgangssperre nichts schreiben, aber Daniel Lenz hat mich so lieb gefragt, und als dann auch noch der Bericht über das Everesting erschien, dachte ich mir: „So, jetzt reicht‘s.“
Everestings habe ich auch schon zwei gemacht, hier auf Mallorca, aber während in ganz Spanien niemand auf einer öffentlichen Straße Rennrad fahren darf, beobachte ich die Bilder in der R2C2-Facebook-Gruppe und auf Strava mit großem Neid.

Das „Paradies“ Mallorca ist seit dem 15. März 2020 ein anderes. Die spanische Regierung hat den Alarmzustand ausgerufen und mit diesem eine Ausgangssperre für Privatpersonen verhängt.

Ohne TV und nicht direkt ein Internet-Wurm, habe ich das so nicht direkt mitbekommen und war am 15. März noch früh am Morgen zu einer Sechs-Stunden-Ausfahrt gestartet. Alles wie immer: Um die Uhrzeit am Sonntag kaum einer auf der Straße und schönes Wetter. Herrlicher Blick auf die Tramuntana.

Dass dies bis heute meine letzte Ausfahrt sein sollte, das hatte ich mir damals nicht vorstellen können.

Nach knapp eineinhalb Stunden wurde ich von der GC (Guardía Civil) gestoppt. Ob ich nicht wüsste, dass das Fahren mit dem Rennrad auf der Straße verboten sei, fragt mich der „Cabo“ auf dem Beifahrersitz. Verboten? Wieso? Er erklärt mir die Sache mit der Ausgangssperre und fragt mich nach meinem Wohnort.
„Disculpeu-me, caballeros!” Die geplante Route breche ich ab, mit der GC ist nicht zu spaßen, wenn die merken, dass man die veräppeln will. Also ab nach Hause.

Verwirrung ist dann erst ausgebrochen, als ich versucht habe herauszubekommen, was denn nun wirklich die geltenden Regeln sind, die einzuhalten sind.
Deutsche Mallorca-Bewohner, Einwanderer wie ich, sind schon immer die schlechteste Quelle gewesen, um eine valide Aussage zu spanischen Verfahren und Regeln zu bekommen. Das konnte ich in „VK“- und „Facebook“-Gruppen jetzt besonders feststellen. Selbst deutschsprachige Zeitungen und Magazine widersprachen sich in Teilen.

„So, jetzt reicht‘s“: Wörterbuch geschnappt, die offizielle Deklaration aus dem Netz gezogen und übersetzt.

Die eigenen vier Wände darf man nur verlassen, um zum Arzt, zur Arbeit, Apotheke, Bank, Post oder zum Einkaufen für die wichtigsten Lebensmittel zu gehen.
Individualsport auf öffentlichen Straßen und Wegen, aber auch Wandern, Spazierengehen usw. sind verboten. Ausnahme: Gassi gehen mit dem Hund. Aha, der Hund darf raus, das Kind nicht.

Wir sind hier in Spanien nur Gäste und halten uns natürlich an diese Vorgaben. Da wir keinen Hund haben, bleibt also nur der tägliche Gang zum Supermarkt. Aber was will ich jeden Tag im Supermarkt? Einmal die Woche reicht doch.
Gott sei Dank ist der wöchentliche Gemüse-Markt in unserer Wohnsiedlung noch erlaubt. Wir stehen zwar brav mit zwei Metern Abstand an, aber eben auch für eine Stunde, bis wir dran kommen. Obst und Gemüse selbst prüfen oder gar probieren, wie sonst immer praktiziert, ist streng verboten.

Ich bin mit dem Hollandrad meiner Frau hin. Drei Kreisverkehre, die ich passieren muss auf den 700 Metern – an jedem(!) eine Kontrolle.

Bei der Hinfahrt werde ich von der Policía Local befragt, wo ich hinfahre. Gemüsekaufen? Kein Problem.
Auf dem Rückweg, mit 15kg Orangen, Zitronen, Rettich, Kartoffeln und Kohl am Lenker und Gepäckträger hält mich dann nochmal die GC an: „Radfahren ist verboten“.
Aber die Policía Local hatte nichts dagegen, merke ich an, da wird der Beamte schnell sehr ernst und droht mit 600 Euro Bußgeld. Okay, verstehe! Die abenteuerliche Beladung des Rades wird mit keinem Wort erwähnt.

„So, jetzt reicht‘s“: Zur Klärung, was jetzt wirklich möglich ist, rufe ich von zu Hause nacheinander „Polizei“ und „Zivilgarde“ an. Also:

  • Nur in meiner Wohngemeinde darf ich zum nächstgelegenen Geschäft für den überlebenswichtigen Bedarf. Natürlich auch mit dem Fahrrad!
  • In den LIDL, ALDI oder EROSKI im Nachbarort, nur weil es dort billiger ist, darf ich offiziell nicht. In den Nachbarort nur zum Metzger, oder so, weil wir selbst keinen haben. Dorthin aber ausschließlich mit dem Auto, in dem maximal zwei Personen auf maximalem Abstand sitzen dürfen. Bedeutet: Einer hinten rechts, einer vorne links, wenn es kein Rechtslenker ist.
  • Drogerien darf ich zwar auch aufsuchen, aber die Kosmetik-, Spielwaren- und Pflegeproduktbereiche sind gesperrt. Man kommt nur an die Lebensmittel und Hygieneprodukte.
  • Baumärkte, die allseits beliebten „Hiper Chinos“, Eisenwarenläden usw. sind sowieso geschlossen.
  • Zur Arbeit nur mit „Passierschein“ vom Arbeitgeber, zum Arzt nur mit schriftlicher Terminbestätigung, zu Post, Bank, Apotheke nur mit guten Argumenten, befindet man sich auf dem Rückweg, muss man die Einkaufsquittung vorzeigen.

Doch was ist jetzt mit der schönen Form, die ich mir im Winter für Mallorca 312 und Eschborn-Frankfurt antrainiert habe? Na ja, wird schon nicht so schlimm sein, sind ja nur zwei Wochen und ich wollte vor Ostern sowieso noch fasten.

Aus den zwei Wochen Ausgangssperre sind mittlerweile fünf geworden und mindestens drei kommen noch oben drauf. Ob dann eventuell Individualsport oder Spaziergänge mit Angehörigen aus dem Haushalt, so wie in Deutschland, möglich sind, werden die nächsten Tage zeigen.

Mit Touristen von außerhalb Spanien rechnen die Hotels hier nicht vor September. Selbst dann wollen nur die Hälfte aller Häuser öffnen, der Rest hat die Sommersaison 2020 schon abgeschrieben. Aktuell werden im Internet hauptsächlich spanische Touristen von der Halbinsel beworben, weil niemand weiß, wann die Reisefreizügigkeit innerhalb Europas wieder hergestellt ist. Der Flughafen soll auch das Letzte sein, was wieder auf Normalbetrieb gebracht wird.

In all dem Frust über die Zwangspause beim Training beruhigt mich die Tatsache, dass es auch keine Wettkämpfe geben wird, für die man trainieren kann. Und selbst ein Wettkampf gegen sich selbst, wie ein Everesting, ist hier aktuell nicht möglich.

Schon seit neun Tagen gibt es täglich mehr Genesene als neu Erkrankte, deswegen denke ich, dass wir über den Berg sind und bald die ersten versuchsweisen Lockerungen der Ausgangssperre kommen werden. Ich freue mich schon auf die Ausfahrten und die Entdeckungen eines ganz anderen Mallorcas.

Ein ursprünglicheres, ruhigeres, authentischeres Mallorca, als bisher erlebt.

„So, jetzt reicht‘s“, ich freue mich auf den Radsportsommer mit Everesting am Kultanstieg von Caimari zur Tankstelle und vielen Rennen oder Marathons im Herbst in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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