Die Tour de France der Bikepacker

Ein Artikel von Sara Hallbauer, zuerst erschienen auf ihrem Blog auf bikepackers.de.

„Möge der Wind Dich bis an die Mittelmeerküste tragen“ brüllt Arnaud, der Veranstalter des Race Across France, ins Mikrofon und gibt mir einen ordentlichen Klaps auf die Schulter. Es ist Samstag, der 18.6.2022, 18.48 Uhr: Ich roller von der Bühne die steile Rampe auf die Promenade hinunter. „Popo nach hinten, Popo nach hinten!!“ denke ich mir nur.

Denn meine größte Sorge ist nicht das Unterfangen, das vor mir liegt, sondern ein Sturz auf eben dieser Rampe. Blamage komplett, vor all den Leuten, nicht mal eine Sekunde nach dem Start. Doch es geht gut, die erste Hürde ist geschafft. Unter dem tosenden Applaus des Publikums, das hier in Le-Touquet-Paris-Plage, an der Côte d’Opal zusammengekommen ist, starte ich als eine von drei Frauen in mein nächstes Radl – Abenteuer: Das Race Across France (RAF).

Foto: Quentin Iglesis

Die Key Facts zum Race across France

Es geht in maximal 10 Tagen einmal durch Frankreich, von der Atlantikküste im Norden Frankreichs über 2.600 Kilometer und ca. 37.000 Höhenmeter über die Alpen ans Mittelmeer nach Mandelieu de Napoule. 

Die Fahrer können im Team oder alleine in den Kategorien Supported oder Unsupported starten und sich entscheiden, ob sie 300, 500, 1.000 oder 2.500 km fahren wollen.

Ich entscheide mich natürlich für die lange Route und breche alleine zu meiner eigenen Tour de France auf, zur Tour de France der Bikepacker! Wie immer unsupported natürlich, ein würdiger Nachfolger meines Nordkap Abenteuers aus dem letzten Jahr.

Die Strecke des Race across France

Race across France Tag 1: Appetite for Destruction 

Das Event hab ich mir passend zum Motto meines Blogs „Raus aus dem Windschatten, rein ins Abenteuer“ gut rausgesucht. Denn Windschatten Fahren ist beim RAF nicht erlaubt. Die Fahrer starten anstatt im Pulk nacheinander im Minutentakt, in der Reihenfolge ihrer Anmeldung. 

Mich packt das Rennfieber in der ersten Sekunde. Die Beine sind frisch, die Stimmung ist gut. Ich bin weit über meinem Schwellenwert. „Sara, das hier ist ein Marathon und kein Sprint“ denke ich mir noch. Doch ich kann nicht anders. Ich hab den ganzen Tag auf diesen Startschuss gewartet. Wer hat eigentlich beschlossen, so ein Event am Abend beginnen zu lassen? Ich als Morgenmensch bin noch nie eine Nacht komplett durchgeradelt. Wohl wissend, dass mir das Adrenalin keine Ruhe lassen wird, ist aber genau das mein Plan. Schauen wir also, wo mich das hinführen wird. Das hier wird ein „All in“ bzw. ein „All Out“ – soviel ist auf jeden Fall sicher. 

Ich fahre in der Abenddämmerung auf kleinen Strassen am Atlantik entlang. Edwyn Collins Beat treibt mich an und ohne Unterlass vorwärts „Never met a girl like you“ dröhnt es auf Dauerschleife in meinen Ohren.

Regen, mein Dauer-Begleiter in dieser Saison 

Um halb 12 Uhr nachts setzt Niesel ein, der bald zu strömenden Regen wird. Wind weht ungemütlich vom Atlantik her. Ich kämpfe mich durch diese Midsommer Nacht, es vergeht Stunde um Stunde. Nach 227 Kilometern bin ich in Le Havre und fahre über die Brücke der Normandie, eine Schrägseilbrücke, die mit 856 m die größte Spannweite in Europa besitzt.

Es wird langsam Zeit für eine Pause, doch ich steige nicht ab. Hier gibt es nirgendwo ein trockenes Plätzchen und ich möchte auf gar keinen Fall auskühlen. Da ist Omaha Beach. Bei der Vorstellung, was hier im zweiten Weltkrieg los war, wird mir schlecht.

Der Start im Norden Frankreichs

Sonntag morgens in der Normandie, alles dicht

Ich hab die Nacht gut überstanden, nur wird es langsam Zeit für etwas Warmes. Es regnet immer noch. Dass die Versorgungslage hier suboptimal ist, wusste ich, aber dass hier weit und breit keine Boulangerie offen hat? So wird es halb 10 Uhr morgens bis ich endlich eine finde und die erste Pause mit Kaffee und Pain au Chocolat einlegen kann. Ich genieße den ersten Kaffee des Tages, kaufe auf Vorrat ein und weiter geht’s. Es bleibt ungemütlich.

Ab 14 Uhr merke ich, dass die „durchzechte“ Nacht ihren Tribut fordert. Ich muss mich ausruhen und meine komplett durchnässten Sachen trocknen. So buche ich ein Hotel in der nächst größeren Stadt: Als ich um 16 Uhr nach 452 gefahrenen Kilometern Avranches erreiche, muss ich die letzten Kilometer schieben. Ich kann meine Augen nicht mehr offen halten. Im Hotel gönne ich mir eine Dusche und lege mich aufs Ohr. Doch die Pause währt nicht allzu lange. Um 19 Uhr geht es weiter, schließlich ist noch nicht aller Tage Abend.

Mont-Saint-Michel und Saint-Malo sind Highlights der Tour

Es wartet eines der großen Highlights dieser Tour auf mich: Der Mont-Saint-Michel! Schon von weitem zu erkennen. Wow. Ich mache viele Fotos – schließlich bin ich im Herzen nicht nur Racer, sondern auch Radtourist! 

Abends erreiche ich schliesslich Saint-Malo. Ich bin in der Bretagne angekommen. Mir bleibt erstmal die Spucke weg: Das Blau des wilden Atlantiks in der Abenddämmerung ist wunderschön und die Festungsstadt ist so imposant, dass ich hier unbedingt nochmals herkommen muss!

Mein erster Tag endet schließlich in Comburg. Als ich hier nachts um kurz nach 12 mein Wahoo ausmache, stehen 555 Kilometer, 22 Stunden Fahrzeit mit nem 25er Schnitt auf dem Tacho. Ups.

Race across France Tag 2: Bretagne: die Kühe sind hier weiss statt braun 

Der zweite Tag führt mich durch das Landesinnere von Frankreich. Hier ist weit und breit nix los. Ich erreiche den ersten Checkpunkt in Quelaines-Saint-Gault und hole mir meinen ersten Stempel ab. Auf die Bretagne folgen die Länder der Loire. Der Track führt direkt am Schloss Chambord vorbei, das größte Schloss des gesamten Loiretales.

Um Gewicht zu sparen habe ich weder Schlaf-, noch Biwacksack noch Isomatte dabei. In diesem Race setze ich voll und ganz auf eine Hotelstrategie. Die wenigen Stunden, die ich schlafe, möchte ich so gut wie möglich schlafen.

Der Hotellier Saint Cyr 💚

Da in Frankreich die Rezeptionen nur bis 22 Uhr besetzt sind, rufe ich in jedem Hotel persönlich an. So auch am zweiten Tag im Hotel Saint Cyr, das mitten im Nationalpark „Reserve Nationale de Chasse et Faune Sauvage de Chambord“ liegt. Der Hotelier bittet mich jedoch ein anderes Hotel nehmen. Ich verstehe nicht ganz warum. Als ich ihm erkläre, dass ich beim RAF mitmache und nur ein klitzekleines Mansarden Zimmer ohne Frühstück benötige, willigt er schließlich ein und bietet mir ein Zimmer an. Ich solle nachts anrufen, wenn ich vor dem Hotel stehe. Er käme dann. 

Als ich nachts um halb eins ankomme, liegt das Hotel im Dunkeln, im gesamten Gebäude brennt kein Licht. Mit einem mehr als mulmigen Gefühl im Magen rufe ich den Hotelier an und bin mir sicher, dass keiner abhebt. Doch falsch gedacht! 10 Minuten später kommt er angefahren, begrüßt mich herzlichst, schließt sein Hotel auf und macht das Licht an. Nun wird mir klar, was hier los ist: Ich bin der EINZIGE Hotelgast. Der Hotelier hat extra nur für mich sein ganzes Hotel aufgeschlossen!!! Und das nur, weil er selber riesen großer RAF Fan ist und mir unbedingt weiterhelfen wollte. Unfassbar! 

Race across France Tag 3: Jetlag komplett – Mann, bin ich müde!

Leider schlafe ich in dieser Nacht sehr schlecht. Ich höre draußen ein tosendes Gewitter stürmen und Äste durch die Gegend fliegen. Mann, hab ich keinen Bock auf sowas. Regen macht auf Dauer mürbe. Als das Gewitter um halb vier eine Pause einlegt, springe ich nach zwei Stunden Schlaf aus dem Bett, packe meine Sachen und fahre weiter. Ich möchte die Zeit ohne Wasser von oben nutzen, um so weit wie möglich zu kommen.

Das klappt leider nicht so wie gedacht. Der dritte Tag meiner Tour wird ultra zäh. Ich komme  kaum vorwärts, von Flow ist nichts zu spüren. Ich muss mich mehrfach ins nasse Gras an den Strassenrand legen und die Augen zumachen. 

Hinzukommt, dass meine Füsse von den dauerhaft nassen Schuhen angeschwollen sind, die Cleatplatten sind deutlich zu spüren und drücken auf meine Fussballen, die immer empfindlicher werden. Ich kann die Schuhe nicht mehr zu machen. 

Immerhin schaffe ich es  an diesem Tag noch bis an den zweiten Checkpoint in Gueignon und übernachte an diesem Tag nach nur 278 Kilometern und 1.824 Höhenmetern in Charolles.

Der höchste Punkt des Rennens: der Col de l’Iseran.

Race across France Tag 4: Die Col-lection beginnt! 

Während die ersten 1.200 Kilometer des Races noch relativ flach waren, starte ich ab Lyon mit meiner Col-lection, es wird bergig: Col des Einceints, Col de Fosses und Col du Chat. 

Als ich abends um 19:30 Uhr beim McDonalds in Aix-Les-Bains sitze und meine E-Mails checke, sehe ich, dass der Veranstalter am Nachmittag zunächst eine Gewitterwarnung heraus- mittlerweile jedoch wieder eine Entwarnung durchgegeben hat. Ich mache mich also auf, den Col de Leschaux zu erklimmen. 

Hagel und strömender Regen. An eine Weiterfahrt ist nicht zu denken!

Um 21 Uhr fängt leichter Niesel an, kurz danach beginnt es so richtig zu schütten und der Himmel verdunkelt sich schlagartig. Aus dem Regen wird schließlich Hagel, dicke Körner knallen von oben herab. Das Wasser, das mir auf der Straße entgegen strömt, ist braun, da sich die Erde zu lösen beginnt. Ich stecke voll und ganz im Schlamassel. Ich bin nur noch 300 Höhenmeter vom Pass entfernt, doch den werde ich unter diesen Umständen auf keinen Fall erreichen. Was soll ich tun? Hier ist auch weit und breit kein Unterschlupf mehr!!  Ich komme an eine Kreuzung und sehe etwas weiter unten zwei kleine Häuschen. Mir bleibt nichts anders übrig als beherzt an eine der Türen zu klopfen und das Beste zu hoffen. 

Eine Frau öffnet mir und starrt mich komplett verdattert an.

„Hallo mein Name ist Sara, es tut mir leid, Sie zu stören. Aber ich mache gerade bei einem Rad-Rennen mit, dem Race across France. Ich kann wegen des Unwetters gerade nicht weiterfahren. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich heute Nacht bei Ihnen bliebe?“ – Herzallerliebstes Lächeln ☺️
Mann, Gott sei Dank hatte ich Franz-LK, sonst hätte ich in dem Moment wahrscheinlich gar nichts mehr rausgekriegt. Die Frau lacht und lässt mich erstmal eintreten, sie kann auch nicht anders, ein komplett begossener Pudel steht vor Ihrer Tür. Das Gute: ich strahle sicherlich nichts Bedrohliches, sondern lediglich Schutzbedürftiges aus. Nathalie und ich machen es uns in ihrer Küche gemütlich, trinken einen Tee und nach einer Dusche schlafe ich in ihrem Gästezimmer überglücklich ein.

Race across France Tag 5 – Checkpoint drei in Megève ist erreicht

Im Morgengrauen erklimme ich beschwingt von diesem Glücksfall den Col de Leschaux. Die Stimmung im morgendlichen Nebel und der guten Luft ist wunderbar. Ich komme schließlich zum Lac d’Annecy, der in der Früh von vielen Rennradlern umrundet wird. Viele von ihnen sprechen mich an und wünschen mir „Bonne Chance“. Mit dem Col de la Colombiere erklimme ich den ersten richtig großen Pass. Mit Blick auf den Mont Blanc erreiche ich nur leider viel später als geplant den dritten Checkpoint Megève.

Wie soll ich das schaffen? Durch das Gewitter habe ich sehr viel Zeit verloren.

Durch das Gewitter am Col de Leschaux habe ich viel Zeit verloren und kann anders als geplant nur 4 Stunden Zeit rausfahren. In mir macht sich die totale Panik breit. Ob das jetzt noch zu schaffen ist? Ich hab keine Ahnung. Vor mir liegt nicht nur eine Mammut-Aufgabe, sondern gleich mehrere: die höchsten Pässe der französischen Alpen, hintereinander gereiht auf der Route de Grandes Alpes. Da hilft nur noch eins: ab jetzt Vollgas, probieren kann ich es ja mal!

Die Route des Grandes Alpes

Meine Festplatte ist gelöscht. Ich hab komplett vergessen, in welcher Reihenfolge welcher Berg erklommen werden muss, Zeit auf meinen Spickzettel zu schauen hab ich auch nicht. Jetzt ist eh schon alles egal. Ich folge stumpf der Linie auf meinem Wahoo und erklettere den Col du Meraillet, den Col de Saisies und den wunderschönen Cormet de Roselend. Ich nehme noch den Anstieg zum Col d’Iseran in Angriff, ruhe mich aber kurz in einem kleinen Chalet vor Val d’Isère aus und schlafe ein paar Stunden. Der fünfte Tag ist mit 217 Kilometern und 5.235 Höhenmetern nicht ohne, aber so geht es gerade weiter.

Race across France Tag 6: Angst vor einem zweiten Mal Eisregen am Pass

Am nächsten Morgen geht es um vier Uhr los, um sieben Uhr morgens erreiche ich schließlich den Gipfel des Col de l’Iseran. Es folgt eine wunderschöne 70 (!) Kilometer lange Abfahrt vom höchsten überfahrbaren Gebirgspass der Alpen bis nach Saint Michel de Maurienne. Im Nieselregen und Nebel steige ich auf den Col du Télégraphe. Oben angekommen schüttet es in Strömen. Ich mache eine Pause im Relais de Télégraf, stopfe 2 Muffins in mich rein und überlege was ich tun soll. Es steht die Auffahrt zum Galibier auf 2.642 Metern bevor und das in diesem Regen? Ich hab panische Angst nochmals ein zweites „Teide“ zu erleben. Bei meinem Gran Guanche Audax Road bin ich im Januar diesen Jahres bei 2 Grad und Eisregen auf dem höchsten Berg Spaniens halb erfroren.

Ich fahre weiter, Gott sei Dank gibt es in Valloire einen Intersport. Ich stürme den Laden und kaufe eine ultra dicke Wanderregenjacke mit Kapuze und eine Herren-Merino-Unterhose in XXL. Alle anderen Unterhosen sind jetzt im Sommer ausverkauft. 

Im Takt von November Rain von Guns n‘ Roses pedaliere ich im strömenden Regen nach oben. Das Ganze hat durchaus etwas meditatives und ich kann diese Auffahrt genießen. Um 15 Uhr stehe ich nach unendlich vielen Kehren auf dem Gipfel des Col Du Galibier.

Ich bin Gott froh um meine dicke Ausrüstung, denn damit bin ich für die Abfahrt über den Col du Lautaret gut gerüstet. Schließlich geht’s nochmal hoch zum Col de Sarenne und von da aus in das hässliche Skiressort Alpe d’Huez, wo meine Etappe endet. 

Geschafft: Das Ziel an der Cote d’Azur

Race across France Tag 7: Wie soll ich das nur schaffen?

Tag 7 wird der härteste Tag der Tour. Die Uhr tickt, der Countdown läuft, ich muss heute den Checkpoint in St. Jean-en-Royans erreichen. Wenigstens eine Frau muss hier durchkommen. Silvia und Anne haben es leider nicht bis an den Checkpoint in Megève geschafft. 

Doch wie soll ich das nur schaffen? Um halb drei Uhr morgens sitze ich auf dem Rad, fahre im Dunkeln hinab nach Oz und stehe um sieben Uhr morgens auf dem Col du Glandon. Die gute Nachricht: Das Schlimmste ist schon überstanden –  bilde ich mir ein. Danach folgen „nur“ noch kleinere Pässe um die 1.000 Meter. Die Fahrt bleibt aber anstrengend, da der Track neben diesen Cols auch noch durch das zackige Bergland östlich von Grenoble führt.

In Grenoble angekommen mache ich mich mit allerletzter Kraft auf zum letzten Anstieg des Tages: Es geht 800 Höhenmeter nach Saint-Nizier du Moucherotte hinauf. Ich bin dazu verleitet aufzugeben und mir ein Hotel zu nehmen. Sch*** doch drauf! Doch als ich die letzte Kurve erklimme, sehe ich einen mir Unbekannten am Strassenrand stehen, applaudieren und laut rufen: „Allez, allez, Sara, Du hast es bald geschafft! Nicht mehr weit!!!“ Äh, gibt’s hier noch ne andere Sara? Ich dreh mich rum, aber nein, der meint ja mich! Ich halte an.

Vincent weiss gar nicht, wie wichtig er in genau diesem Moment für mich ist.

Vincent, ein RAF Fan, wohnt hier und feuert alle Radler an, die vorbeikommen. Er beobachtet das Rennen und folgt den Dots auf der offiziellen Renn-Website. Er erklärt mir, dass wir hier genau auf der 2.000 Kilometer Marke stehen. Bis nach St. Jean bräuchte ich es nur noch runterrollen lassen. Und das würde ich jetzt auch noch hinkriegen. Von Fremden angefeuert werden – that’s the spirit hier in Frankreich und gibt mir den ausschlaggebenden Push, um nicht aufzugeben.

Es folgt eine 50 Kilometer Abfahrt durch die imposante Gorge de la Bourne im wunderschönen „Parc Naturel Regional du Vercors“. Ich erreiche im Stockdunkeln nach 266 Kilometern und 5.398 Höhenmeter den vierten und wichtigsten Checkpunkt der Tour völligst fertig aber überglücklich. 

Der Veranstalter hat aufgrund des Unwetters die Cut-off-Times leicht nach hinten verschoben. Und ich? Ich hab‘s gepackt, ich bin immer noch im Rennen und freu mich wie eine Schneekönigin. Wer hätte das gedacht?! 🥳

Race across France Tag 8: Das eine Wetterextrem folgt dem anderen

Am nächsten Morgen lasse ich es etwas langsamer angehen. Es wartet der Col de la Machine auf mich, neben dem Cormet de Roseland, der schönste Anstieg der ganzen Tour. 

Auf der Abfahrt duftet es unbeschreiblich gut: Ich kann den Lavendel riechen noch bevor ich ihn sehen kann. Ich bin in der Provence angekommen. 

Leider löst das eine Wetterextrem das andere ab. An Radfahren ist bei 42 Grad am Nachmittag nicht mehr zu denken. Es wird schliesslich 19 Uhr bis ich endlich in Malaucene am Fusse des Ventoux ankomme. Ich bin fertig von der Hitze. Die Bündchen meiner Radhose schnüren mir das Blut in meinen Beinen, die mittlerweile zu Elefantenfüssen angeschwollen sind, ab. Aufgrund der Hitze ist mein Salzhaushalt durcheinander und ich hab am ganzen Körper Wasser eingelagert.

Soll ich oder soll ich nicht? Mont Ventoux bei Nacht

Ich mache Pause in Malaucene, trinke zwei Cola, esse zwei Pain au Chocolat und schneide meiner super teure Radhose an den Bündchen auf. Autsch!! Da blutet das Schwabenherz! 

Ich bin unsicher, ob ich den Giganten der Provence an diesem Abend noch erklimmen soll oder nicht. Ich treffe auf drei andere Fahrer, die mich ermutigen, weiterzufahren. Dann sei auch das letzte Hindernis geschafft und ich sei ein schneller Kletterer. Na gut. Ich beginne in der schönsten Abendsonne mit dem Aufstieg. Die Poller zeigen mir an, wie weit es noch nach oben ist. 

Es wird dunkel, als ich um kurz vor 22 Uhr an der Station du Mont Serein vorbeikomme, ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Von da aus sind es zwar nur noch wenige Kehren bis nach oben. Aber an der Baumgrenze werde ich vom Wind schier weggefegt und es ist stockdunkel. Der Turm des Mont Ventoux ragt bedrohlich über mir. 

Als ich den Gipfel erreiche, finde ich das Passschild nicht. Doch Zeit um es zu suchen bleibt nicht. Ich stehe mutterseelenallein hier oben. Ich ziehe mich warm an und mache mich auf die Abfahrt – mit angezogener Bremse und einem Fuss aus dem Pedal, um die Windböen so gut es geht abzufedern. Langsam tuckere ich hinab und bin heilfroh, als ich meinen Schlafplatz in Saint-Colombe mitten in der Nacht erreiche.

Race across France Tag 9: Dream on, Dream on, Dream on

Nach diesen acht brutalen Renntagen, die von mir wirklich alles gefordert haben und bei denen ich wirklich alles gegeben habe, nehme ich am letzten Tag einen Gang raus. Ich bin Last Women Standing und weiss, dass ich es schaffen werde. Ich möchte die letzten, mir verbleibenden 300 Kilometer und 4.280 Höhenmeter und das, was Frankreich mir auf dieser finalen Etappe zu bieten hat, geniessen. 

Ich werde nicht enttäuscht: Ich schaue und staune bei meiner Fahrt durch die atemberaubende Gorge de la Nesque, gefolgt von der Gorge du Verdon. Der schönste Canyon Europas, dessen türkisblaues Wasser in der Abendsonne glitzert, trägt die besondere Auszeichnung „Grands Sites de France“. Ich bin unendlich dankbar, das erleben und sehen zu dürfen – bevor der Klimawandel all das zunichte macht.

Am Abend mache ich nochmals kurz auf einem Campingplatz Halt. Anstatt zu pushen und bis ins Ziel durchzudrücken, möchte ich die letzte Abfahrt unbedingt im Hellen fahren, damit ich die Hand von der Bremse nehmen, den Wind im Gesicht spüren und es voll laufen lassen kann. Dieses Vergnügen habe ich mir verdient. Um halb 5 in der Früh stehe ich noch im Dunkeln auf dem Col de St. Barnabé und wie geplant im Morgengrauen auf dem letzten verbleibenden Col, dem Col de Castellaras.

Mit Aerosmith „Dream on“ im Ohr und dem Mittelmeer im Blick rausche ich von da an 55 Kilometer hinab in die Tiefe und wenig später als einzige Frau und Gewinnerin des Race across France in Mandelieu ins Ziel.

Race across France – Fazit

Wow. Das Ding war echt eine Nummer, von 131 Startern sind weniger als die Hälfte im Ziel angekommen. Noch nie war ein Race so intensiv und ging mir so nahe wie das Race across France. Es gab so viele Momente, die mich schier gar hätten aufgeben lassen. Doch warum hab ich es einfach nicht getan?

Zum einen wollte ich unbedingt, dass wenigstens eine Frau dieses Rennen schafft und es nicht heißt: Le RAF, c’est trop dur pour les femmes! Das RAF ist zu anspruchsvoll für die Mädels. Auf gar keinen Fall! Dann muss ich das jetzt machen (wenn außer mir keine mehr da ist).  

Zum anderen hat mich eine zutiefst empfundene Dankbarkeit bis ins Ziel getragen. Ich wollte Nathalie, Vincent, dem Hotelier und vielen weiteren unfassbar netten Menschen, die ich auf diesem Weg getroffen habe, zeigen, dass sich ihr Bemühen um mich auf jeden Fall gelohnt hat. DANKE auch an die vielen freiwilligen RAF Helfer an den Checkpunkten – ohne Euch hätte ich es nicht geschafft! 

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