„Ein nicht kopierbares Abenteuer“ – Mallorca-Bamberg per Velo

Unser R2C2-Mitglied Wolfgang van Wersch wohnt seit Jahren auf Mallorca, stammt aber aus Oberfranken. Sein Plan: mit dem Rad von der Baleareninsel nach Deutschland fahren. Seine Erlebnisse schildert Wolfgang ausführlich in einem Artikel.

Seit über sechs Jahren wohne ich nun auf Mallorca, der Liebe zum Radsport wegen. Also nicht weil ich Statistiken, Geschichte und Anekdoten liebe, sondern weil ich viel und gerne fahre.

Seit ich hier lebe, wollte ich schon immer einmal mit dem Rad von Mallorca nach Deutschland fahren. Meine Heimat ist Bamberg in Oberfranken und jeden Sommer bin ich sowieso für sechs bis acht Wochen dorthin geflogen.
2020 sollte es endlich soweit sein und während der Ausgangssperre vom 15. März bis 2. Mai litt zwar meine Form, aber dafür hatte ich ausreichend Zeit, den Plan „Mallorca-Bamberg per Velo“ auszutüfteln.

Die Vorbereitung:

Von meinen anderen langen Touren und Reisen, aber vor allem von meinen zwei Everestings auf Mallorca weiß ich, dass eine gute Planung mehr als die Hälfte der Miete ist. Nach einigem Hin und Her war klar, dass ich zumindest teilweise im Zelt übernachten werde. Einmann-Zelt, Isomatte und Schlafsack waren über eBay und in Sonderangeboten bei Lidl, Aldi usw. schnell besorgt.

Doch wie bekomme ich Kleidung, Wechselwäsche, Ersatzteile und das alles ordentlich am Rad unter? Das Gute am R2C2 ist ja definitiv das breite Spektrum des Radsports, das hier abgedeckt wird und so konnte ich bei den Webinaren viel über Packtaschen, Bekleidung, Navigation und Ausrüstung lernen.
Die Packtaschen für unter den Sattel und im Rahmen habe ich über eBay sehr günstig bekommen. Das Teuerste ist meist das Porto nach Spanien gewesen.

Weil von nichts auch nichts kommt, wollte ich mit meinem Pinarello Dogma F10 fahren. Nach der Anprobe für Taschen, Schlafsack und Zelt war aber klar, dass der Bomber definitiv nicht dafür geeignet ist, nachträglich auf Reiserad umgerüstet zu werden. Eine 200-km-Probefahrt, stur in Oberlenkerhaltung am Aero-Lenker gefahren, bestätigt das zusätzlich, und die Rennrakete kann geschont werden.

Macht nichts, habe ja noch mein gutes altes Colnago C60. Das Rad ist einfach nicht kaputt zu kriegen und ist seit 2015 schon immer der Rückhalt im Fuhrpark gewesen. Satteltasche passt auf Anhieb, Rahmentasche ebenfalls, nur der Vorbau braucht eine kleine Änderung, damit der Schlafsack quer am Lenker und das Zelt parallel zur Fahrtrichtung auf dem Vorbau festgezurrt werden kann.

Dann muss eine Fähre an das Festland gebucht werden, bei der ich während der Überfahrt schlafen kann und ich einige Stunden im Sattel spare. Alcudia-Toulon bietet diese Möglichkeit, und bei einer Ankunft um 9.30Uhr morgens bleibt noch genügend Zeit, die ersten 200 bis 250km zurück zu legen. Von Toulon bis Genua wollte ich an der Küste entlang, an den mondänen und legendären Städten St. Tropez, Cannes, Nizza, Monte Carlo, San Remo und Imperia vorbei fahren. Etwas über 20 Euro für die Überfahrt inklusive Rennrad sind echt nicht viel.

Zehn Tage vor Abfahrt erhalte ich jedoch eine E-Mail mit der Nachricht, dass die gebuchte Fähre ausfällt und ich kostenfrei auf eine andere buchen kann. Da die Fähren nicht täglich verkehren, kommt mein Zeitplan mit einigen Tagen in Corvara und dem Start bei „Rhön300“ am 1. August ganz schön ins Wanken.

Eine Fähre geht am gleichen Tag, allerdings morgens um 8 Uhr von Alcudia nach Toulon. Ankunft Toulon 18.30 Uhr. Nur zwei bis vier Stunden fahren, bis es dunkel wird und dann gleich wieder „Zwangspause“? Ne, da fahre ich lieber die Nacht durch. Ist nichts Besonderes für mich, Ausrüstung für Nachtfahrten habe ich noch von der „TORTOUR“ im letzten Jahr.

Also erste Etappe von Toulon bis kurz vor Genua, ca. 340 km. Dann zwei Tage jeweils 200 km am Gardasee vorbei, und abschließend noch 90 km von der Etsch hoch nach Corvara, das große Zwischenziel. Corvara in Badia in den Dolomiten ist quasi Startort der „Maratona dles Dolomites“.
Dort wollte ich mich drei bis vier Tage von der Fahrt erholen und die eine oder andere Runde ohne Gepäck drehen.

Alle Eventualitäten durch zu denken, haben mir einige unruhige Nächte bereitet, aber als es dann soweit war, war ich die Ruhe selbst. Dachte ich.

Die Reise beginnt.

Der Abschied an der Fähre von meiner Partnerin ist sehr tränenreich und haut mich unerwartet aus den Socken. Die durchlebte harte Zeit der Ausgangssperre hat uns nochmals näher zusammen gebracht.

Die Ankunft in Toulon ist etwas verpätet, aber die 30 Minuten tun nicht weh, wenn ich sowieso plane, die „Nacht zum Tag zu machen“. Also Komoot-App am Handy im Offline-Modus an und los geht’s. Da bin ich nun ich armer Tropf mit 54 Jahren und tue mir sowas an.

Zuerst geht es an einigen Küstenstädten entlang, leicht versetzt zur Meeresküste, Richtung St. Tropez. Die Zwischenziele sind auch gut ausgeschildert und teilweise gibt es sogar Fahrradwege, die den Namen verdienen. Auch auf denen sind die Orte gut ausgeschildert.

Im Flachen und sitzend merke ich das Gewicht des Rades, das von 7,8 kg im Normalbetrieb auf 15,6 kg im Reisemodus angestiegen ist, nicht. Im Wiegetritt macht sich die 5-kg-Tasche unter dem Sattel schon bemerkbar.

Die ersten 100km sind fast geschafft, da wird es auch schon dunkel. In der Dämmerung lasse ich St. Tropez rechts liegen und fahre von jetzt an fast ununterbrochen direkt an der Küste entlang.

Völlig überraschend ist, dass die ganze Nacht hindurch fast überall beleuchtete Straßen sind. Die Gegend muss stark besiedelt sein. Es fällt mir direkt auf, wenn ich auf unbeleuchteter Straße unterwegs bin und die Funzel vorne am Rad der einzige Lichtspender ist.
Zwischen St. Tropez, Cannes und Nizza brauche ich die Navigation kaum. Und nach Nizza kommt ja gleich Monte Carlo, das ich noch bei Dunkelheit oberhalb passiere. Pflichtfoto und weiter.

Ventimiglia erreiche ich im Morgengrauen. Die französischen Grenzer sind wohl froh, dass ich endlich raus bin und die Italiener sind nicht da…
Bis San Remo fahre ich auf einem Radweg, der wohl auf einer alten Bahntrasse errichtet wurde, denn ein Tunnel folgt dem anderen.
Kurz vor San Remo in einem sehr langen Tunnel wird den Helden der Classicissima mit großen Schautafeln im Tunnelbogen gedacht.
Sogar Gerald Ciolek ist eine gewidmet… Sorry Ete!

Finalmente Italia!

Ich liebe dieses Land. Nicht nur, weil ich die Sprache spreche, sondern auch weil hier einfach alles so „bello“ ist. Außer der Straßenbelag. Der ist auf jedem drittklassigen Radweg in Deutschland besser als auf einer Bundesstraße in Italien. Besonders wenn man schon 10 Stunden gefahren ist und sowieso jedes Sandkorn auf der Straße in den Sitzknochen spürt… Endlich Frühstück auf Italienisch in San Remo, direkt an der Uferpromenade. Herz, was willst du mehr?

In Italien fährt es sich nicht nur des Straßenbelages wegen anders, sondern auch wegen der Italiener selbst. Schneller, schöner, knapper fahren sie an mir vorbei. Ganz anders als die defensiven Mallorquiner oder die schlafenden Franzosen…

Zum Abschluss der ersten Etappe führt mich Komoot nochmal auf einen Feldweg mitten im Wald und mit 20% Steigung. Echt kein Scherz! Davon ein Foto zu machen, habe ich auch keinen Bock mehr, weil ich beim Schieben mit den Look-Platten eher als Eiskunstläufer durchgehe denn als Radreisender.

Nach einer Zeltübernachtung geht es zunächst 450 Höhenmeter hoch, um vom Meer weg zu kommen, dann weiter nach Osten, über Piacenza quer durch die Poebene Richtung Gardasee.
Die Po-Überquerung habe ich nochmal im Bild festgehalten, der Rest ist einfach nur Genießen der Ruhe, des Friedens und der Natur auf der „Überführungsetappe“.

Kurz hinter Cremona habe ich eine Frühstücks-Pension gebucht. Was für ein Luxus: Badewanne!

Flach geht es dann weiter zur Süd-Ost-Spitze des Gardasees, dort Pflichtfoto und wieder weg. Unglaublich, was da morgens um 10 Uhr schon los ist. Die Uferstraße nach Norden tu ich mir nicht an.

Kurz nach Rovereto beginnt ein extra angelegter Radweg, der bis Bozen geht , meist direkt an der Etsch, oder der Autobahn entlang und mit schöner Hilfe der „Ora“, einem Südwind, der den Surfern vom Gardasee bestens bekannt ist.

Nach der Ankunft in Auer, das ich von einer Alpenüberquerung schon kenne, bin ich schon wieder im Dunstkreis der deutschen Kultur. Sauberkeit, Hygiene und Organisation sind eben anders als südlich von Mailand.

Nochmal das Zelt aufgebaut, in den Pool gehüpft und ein schönes Abendessen, bevor ich am vorerst letzten Tag die 2200 Höhenmeter nach Corvara von Klausen über das Grödnerjoch in Angriff nehme.

Das Hotel Posta Zirm , direkt am Fuße des Anstiegs vom Passo Campolongo in Kurfar, Corvara de Badia, ist mein Ziel. Es ist seit Jahren das Hotel in den Dolomiten für mich. Selbst bei meiner ersten Frühstückspause in Italien, in San Remo, kannte ein Einheimischer, der mich ansprach, das Hotel. Die Welt ist ein Dorf. Mario Cippollini und noch ganz andere Kaliber aus anderen Sportarten steigen dort zum Skifahren ab. Auch für Radfahrer haben die alles, und was nicht passt, wird passend gemacht.

Die Fahrt ist schon wegen des Wetters und des Panoramas ein Traum, aber nach St. Ulrich verlangen mir bis zu 18%ige kurze Rampen dann doch noch Einiges ab.

Aber nun erstmal Pause, ein Tag Sauna, Wandern, Wellness, dann Sellaronda und dann noch die mittlere Maratona-Strecke am letzten Tag, alles ohne Gepäck.

Dabei habe ich einige tolle Begegnungen. Unvergesslich wird mir der 14-jährige Luca bleiben, der mit einem uralten Stahlrahmen von Olmos und 42-28er Übersetzung den Passo Giau von Pocól aus hochkommt. Unfassbar – und ich mache mir Gedanken über 34-27.

Oder der 105-kg-Pole mit Stahlrad, der im vierten Jahr hintereinander versucht, von seinem Wohnort, der Wiener Neustadt, an den Mont Ventoux zu kommen und ohne Zelt irgendwo wild im Wald schläft. Mein Gott, bin ich weich… Dort gewesen ist er noch nicht, aber er kommt jedes Jahr weiter.

Die Termine in Garmisch-Partenkirchen, bei dem ich mich mit einem Freund aus Landsberg am Lech treffen will, und die „Rhön300“ stehen weiterhin.

Leider sind die Wetteraussichten für die Abreise nicht so prickelnd, aber wie so oft haben sich die Wetterfrösche leicht vertan und wenigstens die Abreise vom Posta Zirm Hotel ist trocken. Kurz vor Brixen fängt dann doch noch leichter Regen an, der zwei Stunden anhält. Über den Radweg hoch zum Brenner ist dann wieder bestens ausgeschildert, und langsam trocknen der Asphalt und auch meine Kleidung ab.

Vom Brenner runter hatte ich schon schöneres Wetter, aber natürlich auch schon wesentlich schlechteres.

Ich will mich heute mit meinem Freund zum gemeinsamen Zelten in Scharnitz treffen, aber im Inntal hinter Innsbruck bauen sich dicke Wolken auf. Ein kurzer Anruf bei ihm bringt dann die Gewissheit, dass es nördlich schon den ganzen Tag regnet. Wir verschieben unser Treffen auf den nächsten Tag und ich nehme nochmal eine Pension. Fahrrad, Bekleidung und Ausrüstung werden ordentlich gewaschen und hergerichtet. Wetter für morgen: Sonne pur.

Das stimmt dann auch so, und auf der alternativen Auffahrt nach Scharnitz über Telfs treffe ich zwei österreichische Rennradler, die mich bergauf und bergab bis Mittenwald begleiten.

Meinen Freund treffe ich eine Stunde vor der Zeit, weil auch er schon früh los ist. Klar, Begrüßungsbier und dann die letzten 100 km bis Landsberg schön flach…

Die letzten 260 km bis Bamberg fahre ich dann jedoch nicht per Velo, sondern mit dem Campingbus meines Freundes, schließlich ist die Rhön300 schon übermorgen.
Man muss es ja nicht übertreiben.

Fazit

Kein Defekt, keine Panne, nie verfahren und ein absolut einmaliges Erlebnis. Auch die Aufgabe, etwas vorzubereiten, was ich so noch nie gemacht hatte, war ein schönes Erlebnis. Das habe ich nun gemacht, die Packtaschen, das Zelt, usw. werden wieder verkauft und was Anderes ins Visier genommen.
Es war ein unvergessliches Erlebnis, ein Abenteuer, aber eben nicht kopierbar, da einmalig.
Das fühlte ich identisch bei der TORTOUR oder dem EVERESTING. Super Erlebnisse, aber unvergleichlich. Wiederholung nicht wahrscheinlich, aber auch nicht kategorisch ausgeschlossen…

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