Eine Rundfahrt für Jedermänner – die Tour de Kärnten im Selbstversuch

Die Tour de Kärnten im Selbstversuch. Ein Artikel von R2C2-Mitglied Frederik Böna

Es ist der sechste Tag der Tour de Kärnten 2022. Zwei Kilometer vor dem Ziel im abschließenden Bergzeitfahren auf der Villacher Alpenstraße ist es so weit: Meine Beine “platzen”. Ich kann nicht mehr. Mein sechster Platz in der Gesamtwertung ist in Gefahr. Ich beiße auf die Zähne und kämpfe. Mit letzter Kraft. Meine direkten Konkurrenten im Gesamtklassement verschwinden langsam vor mir im dichten Nebel. Zweifel kommen in mir auf. Breche ich nun völlig ein? Haben die Tage zuvor zu viel Kraft gekostet? Theoretisch kann ich auf den letzten beiden Kilometern noch bis auf Platz 10 zurückfallen, so eng ist das Gesamtklassement zusammen.

Irgendwie schaffe ich es, meinen Rückstand in Grenzen zu halten. Mein Vorsprung, den ich mir auf den vergangenen beiden Etappen erarbeitet habe, ist groß genug. Fast exakt 52 Minuten brauche ich für die insgesamt 16 Kilometer und 1.150 Höhenmeter. Mit dröhnendem Kopf und zitternden Beinen rolle ich über die Ziellinie.

Ein paar Minuten später lasse ich die vergangenen sechs Etappen Revue passieren. Auch weil ich gerade nicht weiß, ob ich zufrieden sein oder mich ärgern soll.

R2C2-Mitglied Frederik Böna wurde Sechster der Tour de Kärnten. Foto: privat

Tour de Kärnten: Sechs Etappen, 500 Kilometer

Insgesamt rund 500 Kilometer und 8.800 Höhenmeter beinhaltete die Tour de Kärnten in diesem Jahr. Abgesehen vom Bergzeitfahren am sechsten Tag, wurde jeden Tag im kleinen Ort Faak am See gestartet. Auf jeder Etappe mussten zwischen 85 und 105 Kilometer mit rund 1.500 Höhenmetern – meist verteilt auf mehrere Hügel und zwei etwas längere Anstiege – bewältigt werden.

Für mich eigentlich deutlich zu kurze Distanzen mit zu wenigen Höhenmetern. Doch ich ahne bereits vor der ersten Etappe, dass jeder Tag intensiv werden würde.

Als die Tour de Kärnten am Samstag, den 21. Mai, nach einer knapp 17 Kilometer langen neutralisierten Startphase freigegeben wird, erfolgen auch tatsächlich gleich die ersten Attacken. Das aus knapp 300 Personen bestehende Fahrerfeld ist sofort in die Länge gezogen. An jeder Steigung, aus jedem Kreisverkehr heraus, nach jeder Kurve wird sofort angegriffen. Eine Attacke folgt auf die nächste.

Der Rennbeginn ist extrem nervös. Irgendwann, nach rund 35 Kilometern, kommt, was kommen muss: Ein Sturz, direkt vor mir! Irgendwie schaffe ich es, zwischen den stürzenden Fahrern hindurchzukommen. Doch die Spitzengruppe vorne ist erst einmal weg. Die Lücke nach vorne ist zwar nicht groß, aber ich brauche einige Minuten, in denen ich deutlich im roten Bereich fahre, um sie wieder einzuholen.

Attacken, Stürze, Taktik: Profi-Feeling bei der Tour de Kärnten

Immerhin ist das Rennen nun deutlich ruhiger. Nur an den Anstiegen wird jedes Mal sofort wieder attackiert. Insbesondere im Anstieg hoch nach Afritz nach etwa 30 Kilometern ist das Tempo extrem hoch. Doch da sich meine Beine gut anfühlen, gehe ich bei den Attacken immer wieder mit. Rund 10 Kilometer vor Schluss, direkt nach dem letzten Anstieg, sind wir noch rund 20 Fahrer in der Spitzengruppe. Doch in der anschließenden Abfahrt ist mir das Tempo viel zu hoch und riskant. Ich werde nach hinten durchgereicht.

Unten im Tal angekommen, gelingt es mir zwar, die Lücke nach vorne wieder zu schließen, doch als es auf den finalen 1.000 Metern bergauf geht und alle um mich herum zum Sprint ansetzen, kann ich nicht mehr dagegen halten. Auf Platz 18 und als vorletzter Fahrer in der Spitzengruppe erreiche ich das Ziel der ersten Etappe. 88 Kilometer und 1.288 Höhenmeter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35,7 km/h! Ich bin zufrieden über meine Form am Berg, aber enttäuscht darüber, in der letzten Abfahrt so abgehängt worden zu sein.

Sechs, Etappen, 500 Kilometer legten die Teilnehmer zurück. Foto: privat

Tour de Kärnten: Insgesamt rund 8800 Höhenmeter

Der nächste Tag, dasselbe Spiel: Wieder wird nach der neutralisierten Startphase sofort attackiert. Erneut ist der Rennbeginn sehr nervös. Dieses Mal zum Glück ohne Stürze. Das liegt auch daran, dass es sofort bergauf geht und sich so schnell kleinere Gruppen bilden. Wieder kann ich bergauf alle Attacken problemlos mitgehen und halte mich in der Spitzengruppe. Doch wieder werde ich in der letzten Abfahrt nach rund 78 Kilometern abgehängt.

Zusammen mit einem anderen Fahrer versuche ich verzweifelt, die Lücke nach vorne wieder zu schließen. Doch so sehr wir uns auf den verbleibenden flachen fünf Kilometern bis ins Ziel auch anstrengen, wir holen die Spitzengruppe einfach nicht mehr ein und kommen einige Sekunden nach ihr ins Ziel. Dort sehe ich, was ich bereits während der Etappe geahnt habe: Mit einer Durchschnittsgeschwindkeit von 35,9 km/h auf einer Etappe mit 83,40 Kilometern und 1.591 Höhenmetern war das Tempo noch höher als am Vortag. Ein bisschen ärgere ich mich über Platz 14, da ich – gefühlt – mehr erreichen könnte.

Der dritte Tag: Bergankunft

Der dritte Tag wartet endlich mit der ersten echten, richtigen Bergankunft. Ansonsten ist jedoch erst einmal alles wie an den beiden ersten Tagen: Von Beginn an wird attackiert, das Tempo ist hoch und das Fahrerfeld nach wie vor nervös und unruhig. Auch an meinen Schwierigkeiten bergab ändert sich nichts. Erneut werde ich in der einzigen, längeren Abfahrt des Tages nach rund 60 Kilometern abgehängt und muss mit zwei Belgiern gemeinsam die Lücke nach vorne wieder schließen. Doch auch wenn wir dafür rund 15 Kilometer benötigen – es gelingt uns.

Als nach etwas mehr als 90 Kilometern der Schlussanstieg auf den Magdalensberg beginnt, attackieren sofort ein paar Fahrer und setzen sich ab. Ich fahre zunächst eher konservativ mein eigenes Tempo. Ich weiß: Die entscheidende Phase des Anstiegs beginnt erst rund 3,5 Kilometer vor dem Ziel. Ab hier wird der Magdalensberg immer steiler. Die durchschnittliche Steigung von 8,4 Prozent wirken zwar nicht besonders furchteinflößend, doch insbesondere der letzte Kilometer ist mit deutlich über 10 Prozent Durchschnittssteigung extrem steil.

Durch mein zunächst verhaltenes Tempo kann ich hier tatsächlich noch einmal zulegen. Endlich, endlich werde ich kurz vor dem Ziel nicht stehen gelassen, sondern überhole ein paar Fahrer und mache einige Plätze nach vorne gut! Auf Platz 8 erreiche ich das Ziel. In der Gesamtwertung schiebe ich mich damit auf Platz 10 nach vorne. Ein Top-Ten-Ergebnis ist im Vorfeld mein heimliches Ziel gewesen. Ein Blick auf meinen Radcomputer im Ziel zeigt mir, dass die dritte Etappe die bisher schnellste war: 36,5 km/h im Schnitt auf einer Etappe mit 105 Kilometern und 1.674 Höhenmetern. So langsam beginne ich zu glauben, dass das Tempo der Tour de Kärnten bis zum Schluss so hoch bleiben wird.

Der Kampf um die Top Ten

Die vierte Etappe. Sie beginnt, wie die Etappen zuvor. Schnell, hektisch, nervös und mit vielen Attacken. Die ersten 40 Kilometer der Etappe sind relativ flach. Das Feld bleibt daher größtenteils zusammen. Das erhöht die Nervosität noch einmal zusätzlich, denn so stoßen immer wieder Fahrer aus den hinteren Startblöcken nach vorne. Erst der längste Anstieg des Tages nach rund 50 Kilometern hinauf auf die Windischer Höhe sorgt schlagartig dafür, dass das Hauptfeld in viele kleine Gruppen auseinander fällt. Ich versuche, an den ersten vier Fahrern der Gesamtwertung dran zu bleiben. Doch irgendwann merke ich, dass mir deren Tempo zu hoch ist. Um nicht völlig erschöpft oben anzukommen, nehme ich etwas raus und rolle an Position 5 über die Passhöhe.

Das Tempo war auf allen Etappen sehr hoch. Foto: Bernhard Felder

Die besten vier Fahrer sind weg, aber das stört mich in diesem Augenblick wenig. Ich sehe die Chance, mich in der nun folgenden Abfahrt nur auf mich selbst konzentrieren zu können. So kann ich zum ersten Mal während der ganzen Tour de Kärnten eine Abfahrt wirklich entspannt angehen und mich etwas erholen. Erst im kurzen Gegenanstieg wenige Kilometer später sehe ich die Verfolger hinter mir und lasse mich einholen. Auf dieser Abfahrt gelingt es mir endlich, nicht abgehängt zu werden. Unten im Tal angekommen, machen wir uns im anschließenden Flachstück auf die Verfolgung.

Doch unsere Gruppe harmoniert überhaupt nicht. Anstatt Zeit nach vorne gut zu machen, vergrößert sich der Abstand. Anscheinend wollen alle noch einmal Kräfte für den Schlussanstieg sparen. Als der Anstieg nach rund 75 Kilometern beginnt, setze ich mich an die Spitze der Gruppe und halte das Tempo hoch. So hoch, dass niemand mehr attackieren möchte. Oben angekommen, folgen eine kurze Abfahrt und ein Flachstück ins Ziel. Da sich meine Beine gut anfühlen, sprinte ich um den fünften Platz mit. Doch zum Sprinter auf dem Rad werde ich in diesem Leben nicht mehr. Am Ende lande ich auf Platz 10 und kann mich damit in der Gesamtwertung um einen Platz nach vorne auf Rang 9 verbessern. Mit 36,2 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auf 87 Kilometer und 1.538 Höhenmeter war es erneut eine schnelle Etappe.

Das Finale der Tour de Kärnten

Für die fünfte Etappe mit 88,60 Kilometern und 1.529 Höhenmeter nehme ich mir bereits am Morgen viel vor. Ähnlich wie am dritten Tag, steht auch heute wieder eine Bergankunft ins Ziel an, die mir eigentlich entgegenkommen sollte. Doch da die Etappe auch davor schon sehr hügelig ist, gilt es erst einmal, an der Spitze dran zu bleiben. Erfreulicherweise gelingt mir das. Das Tempo ist zwar vom Start weg hoch, aber der erste, kurze Anstieg nach nicht einmal 10 Kilometern führt dazu, dass sich relativ schnell eine überschaubare Spitzengruppe bildet. In einer kleinen Gruppe fühle ich mich deutlich wohler, das habe ich in den vergangenen Tagen deutlich gemerkt. Sogar in den Abfahrten rolle ich so deutlich entspannter mit. Am längsten Anstieg des Tages nach knapp 60 Kilometern setzen sich fünf Fahrer ab. Ich beschließe, in der Gruppe dahinter zu bleiben und Kräfte für den Schlussanstieg zu sparen.

In der Abfahrt und im kurzen Flachstück danach fahren wir die Lücke auf die Ausreißer zu meiner Überraschung dann aber ohnehin wieder zu. Als nach etwas mehr als 80 Kilometern der Schlussanstieg beginnt, setzen sich sofort wieder die ersten vier Fahrer der Gesamtwertung ab. Ich warte noch rund 100 Höhenmeter, dann attackiere ich. Etwas mehr als 200 Höhenmeter liegen noch zwischen mir und dem Ziel. Meine Beine brennen, mein Herz rast und meine Lunge pfeift. Mehrfach befürchte ich, gleich völlig zu platzen. Doch von hinten kann mir niemand folgen. Ich schaffe es, auf Platz 5 ins Ziel zu kommen. In der Gesamtwertung mache ich so gleich drei Plätze gut und liege nun auf Platz 6. Später sehe ich, dass ich im letzten Teil des Schlussanstiegs die schnellste Zeit des Tages aufgestellt habe.

Nun wartet nur noch das abschließende Bergzeitfahren auf mich. Ein bisschen träume ich davon, mich in der Gesamtwertung noch ein wenig verbessern zu können. Die ersten 30 Minuten läuft auch alles noch ganz gut. Doch dann geht es mir immer schlechter. Aus irgendeinem Grund bekomme ich kaum noch Druck aufs Pedal. Auf einmal komme ich Fahrern, die ich in den Tagen davor bergauf abhängen konnte, kaum noch hinterher.

Anstatt Zeit und Positionen nach vorne gutmachen zu können, geht es mir nur noch darum, irgendwie Platz 6 zu halten. Zum Glück gelingt mir das noch einigermaßen souverän. Doch um mich darüber freuen zu können, bin ich erst einmal viel zu erschöpft. Und bald danach auch viel zu durchgefroren. Anders, als an den Tagen zuvor, scheint dieses Mal morgens nicht die Sonne. Stattdessen: Wolken und oben dichter Nebel. Auf 1.800 Metern Höhe ist es bitterkalt. Ich warte noch kurz auf meine Freundin, danach geht es so schnell wie möglich zurück nach Faak am See. Dort sehe ich, dass ich für den knapp 16 Kilometer langen Anstieg mit seinen 1.176 Höhenmetern 52 Minuten gebraucht habe und über diese Zeit gerade einmal 324 Watt treten konnte – deutlich weniger, als ich es im Vorfeld geplant hatte.

Dementsprechend fällt mein persönliches Fazit zur Tour de Kärnten auch etwas zwiegespalten aus. Mit Platz 6 in der Gesamtwertung bin ich sehr zufrieden. Trotzdem habe ich auch klar aufgezeigt bekommen, wo ich mich noch verbessern muss: Zeitfahren und vor allem schnelle Abfahrten in einer Gruppe. Landschaftlich hat mich Kärnten sehr beeindruckt. Selten bin ich in einer so schönen Gegend Rennen gefahren. Organisiert war die Tour de Kärnten hervorragend. Selbst das Wetter hat sich sechs Tage lang von seiner besten Seite gezeigt. Gut möglich, dass auf meine erste Teilnahme an der Tour de Kärnten weitere folgen werden. Dann hoffentlich mit einem etwas zufriedenstellenderen Abschluss für mich.

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