„G“ und die Höhenmeter – zwei „Radsportberge”-Bücher zu gewinnen

Sie sind die heimlichen Stars des Radsports sind die legendären Anstiege, die großen Scharfrichter der großen Rundfahrten oder harten Eintagesrennen. Berge wie Alpe d’Huez, Stelvio und Tourmalet. Geraint Thomas, der Tour-de-France-Sieger von 2018, hat ein fantastisches Buch über die „Radsportberge” geschrieben. Wir verlosen gemeinsam mit dem Covadonga Verlag zwei Exemplare und bringen eine Leseprobe, die sich der wohl spektakulärste Rampe Europas widmet.

In „Radsportberge und wie ich sie sah“ porträtiert Thomas 25 Anstiege, die in seiner Laufbahn eine besondere Rolle gespielt haben: steile Straßen, die er liebt, und solche, die er nicht vergisst. Pässe, die er zu fürchten gelernt hat, und solche, die er aus vollem Herzen verabscheut. Ob Trainingsberge auf Mallorca und Teneriffa, Schlüsselstellen der Klassiker, exotische Herausforderungen in Übersee oder Stammgäste im Parcous der Grand Tours: „G“, wie er von Kollegen und Fans genannt wird, kommentiert einen jeden von ihnen mit viel Humor, Mut zur Meinung und der Bereitschaft, Insiderwissen preiszugeben – samt der Wattzahlen seines Powermeters.

Stilfser Joch (Foto: Radtag Stilfserjoch)

Die Leseprobe behandelt das Stilfser Joch (Stelvio), den vielleicht härtesten Anstieg in Europa.

Zum Autor: Geraint Thomas, geboren 1986 in Cardiff, wurde zu Beginn seiner Laufbahn zweifacher Olympiasieger und dreifacher Weltmeister im Bahnradsport, seine Karriere als Profi auf der Straße krönte er als Sieger der Tour de France 2018 und als Tour-Zweiter im Jahr darauf. In der Zwischenzeit gab er bei der Straßen-WM den Sprintanfahrer für Mark Cavendish, eskortierte Chris Froome als Edelhelfer zu mehreren Tour-Siegen und mischte im Finale der berühmten Kopfsteinpflaster-Klassiker im Kampf um den Sieg mit. 2018 wurde Geraint Thomas zu Großbritanniens Sportler des Jahres gekürt, im Jahr darauf verlieh ihm Prince William den Ritterorden OBE.

Die im Buch beschriebenen Berge in der Übersicht:

GROSSBRITANNIEN
Rhigos
Tumble
Cat and Fiddle

BELGIEN
Oude Kwaremont
Koppenberg

NIEDERLANDE
Cauberg

MALLORCA
Sa Calobra
Puig Major

PORTUGAL
Malhão

AUSTRALIEN
Willunga

TENERIFFA
Bumpy
Vilaflor
Chirche

ÖSTERREICH
Sölden

ITALIEN
Cipressa und Poggio
Stelvio
Mortirolo

MONACO
Col de la Madone
Col d’Èze

USA
Saddle Peak: Las Flores

FRANKREICH
Planche des Belles Filles
Col du Portet
Col du Tourmalet
Col du Galibier
Alpe d’Huez

Die Verlosung

Der R2C2 verlost unter Radclub- und R2C2-Mitgliedern und RennRad-Abonnenten zwei Exemplare des Buchs (zur Teilnahme bitte das Formular unten ausfüllen).

Teilnahmeschluss: 5. September 2021

Radsportberge und wie ich sie sah
von Geraint Thomas
14,80 Euro
Broschur, 256 Seiten; mit Illustrationen von Bruce Doscher; aus dem Englischen von Olaf Bentkämper
ISBN 978-3-95726-060-4
ET: 18. Juni 2021


Mehr Infos im Covadonga-Shop

Die Leseprobe „Radsportberge und wie ich sie sah“ (Covadonga Verlag)

Stelvio

Was Alpe d’Huez für die Tour de France ist, ist der Passo dello Stelvio, das Stilfser Joch, für den Giro d’Italia. Das ist in Kürze zusammengefasst der Stellenwert dieser Passstraße, die wie eine Lakritzschlange aussieht, die man aus der Packung zieht, völlig verdreht und endlos lang.

Mehr als 24 Kilometer lang, um genau zu sein, wenn man den Stelvio von der üblichen Seite aus in Angriff nimmt, von Prad im Norden. Und alle wollen hier hoch. Unzählige Radfahrer möchten diesen Anstieg bezwingen. Unzählige Autofans möchten ihn fahren. Auch die Jungs von Top Gear würden bestimmt liebend gern noch einmal herkommen. Denn das wollen die meisten, wenn sie erst mal eine Kostprobe vom Stelvio hatten.

Als Radrennfahrer freust du dich aufrichtig auf den Stelvio. Ja, er ist ein ziemliches Monster von Anstieg. Ja, du wirst an diesem Berg leiden. Aber so viel ist dort geschehen, so viele Giros wurden gewonnen oder verloren, so viel Renommee eingebüßt oder erworben. Keiner von uns möchte seine Profilaufbahn beenden, ohne einmal diese Haarnadelkurven hinaufgetanzt zu sein. Unsere Karriere würde sich unvollendet anfühlen.

Die Auffahrt zum Stelvio von Prad aus:
1851 Höhenmeter
25 km Länge
8% Durchschnittsteigung
12% maximale Steigung

In gleicher Weise, wie die besten Vereinsausfahrten nicht die lockeren sind, die bei schönem Wetter und auf angenehmen Straßen stattfinden, sind es am Stelvio gerade die Prügel, die dieser Anstieg austeilt, die seinen Reiz ausmachen. Die Vereinsausfahrten, über die du auch Jahre später noch sprichst, sind diejenigen, bei denen du dich auf dem Rückweg verfahren hast, dir das Essen und das Geld ausgegangen ist, du in einen Schneesturm geraten bist und dann auch noch dein Schaltwerk kaputt gegangen ist, so dass du die 30 Kilometer nach Hause im Zeitfahrmodus auf dem großen Blatt und ohne jegliches Gefühl in den Händen abreißen musstest. Genauso ist es bei Profirennen: Was du nicht vergisst, ist das eine Mal, als du bei Gent–Wevelgem von einem Windstoß vom Rad geworfen wurdest, als Mailand–Sanremo wegen Schnees am Turchino-Pass unterbrochen wurde oder als Strade Bianche vom Regen in eine Schlammschlacht mit zahllosen Pfützen und Stürzen verwandelt wurde. Es ist ein Gefühl vorfreudiger Erwartung: Gott, das ist hier gerade echt entsetzlich, aber wie großartig wird es sein, wenn ich erst daheim im Warmen bin und mich über jeden auslassen kann, der es nicht gepackt hat. Das ist der Grund, warum du dir bei Paris–Roubaix insgeheim einen verregneten Tag wünschst, es sei denn, du steckst im Niemandsland zwischen Platz 15 und 30 fest, so dass die fiesen Bedingungen zwar ein paar deiner Konkurrenten aus dem Weg geräumt haben, aber nicht genug. Je schwerer und härter ein Rennen oder eine Etappe sind, desto mehr liebst du sie, heimlich. Tief in unserem Inneren sind wir Radrennfahrer alle Masochisten. Wir jammern liebend gern herum, aber noch lieber haben wir das, was das Jammern verursacht.

Die Rennveranstalter haben dies in gewisser Weise verstanden – und dann auch wieder nicht. Sie gehen davon aus, dass die Rennen umso spannender würden, desto schwerer sie sind. Also heißt es ständig: noch steilere Anstiege, noch mehr Anstiege. Im Resultat kommen Streckenprofile heraus, die wie ein Kamm aussehen. Aber zu viele Höchstschwierigkeiten, auf Teufel komm raus, führen letztendlich nur dazu, das Rennen zu neutralisieren. Es fühlt sich nicht echt an. Es fühlt sich nicht natürlich an.

Der Stelvio? Der Stelvio ist unnachahmlich. Egal, wie vertraut du mit ihm bist – wie mühelos du dir die blassgraue Straße vor Augen führen kannst, die sich die kahlen Hänge hinaufwindet, sich mal hierhin, mal dorthin wendet, bevor sie in den Wolken verschwindet –, ist es stets eine eigenartige Art von Freude, ihn wiederzusehen.

Du bestreitest Rennen in Belgien und genießt das Kopfsteinpflaster und die Hellingen. Du fährst Gent–Wevelgem mit Beinlingen und Langarmtrikot und Regenjacke; du ratterst quer durch Flandern im April, schlägst dich mit dem Wind herum, knallst 500 Meter lange Anstiege hoch. Und dann einen Monat später schleppst du dich ein endloses Monstrum in Italien hinauf, 45 Minuten hinter dem Etappensieger und es ist der gleiche Sport. Ganz andere Landschaft, ganz andere Rolle im Team, ganz andere körperliche Herausforderung. Und doch der gleiche Sport und so ziemlich die gleiche Maschine zwischen dir und der Straße: immer noch Pedale, immer noch eine Kette, immer noch Laufräder mit dem gleichen Umfang. Im Rugby gibt es so etwas nicht. Im Fußball auch nicht.

Und es ist der Anstieg, der dafür sorgt. Für uns sind diese Hochgebirgspässe, mehr noch als die großen Eintagesklassiker, unsere legendären Stadien. Sie sind unsere Wembleys und Maracanas. Dort möchtest du irgendwann hin, dort soll deine Karriere hinführen. Wegen der Helden, die vor dir da waren, und der epischen Dramen, die sich dort abgespielt haben. Diese Berge haben das Zeug, dich in extreme Gefühlswelten zu entführen: in tiefes Elend, wenn eiskalter Gebirgsregen in Strömen niedergeht, und in rauschhafte Höhen, wenn du sie als letzten Anstieg einer dreiwöchigen Rundfahrt fährst, als letzte Prüfung vor dem großen Ziel, wenn du weißt, dass die Arbeit getan ist, ihr es alle geschafft habt und bald einen draufmachen werdet wie seit Monaten nicht mehr.

Und der Stelvio besitzt eine ganz besondere Ausstrahlung und Anmut: 48 Kehren, eine durchschnittliche Steigung von 7,4 %, nur kurze Abschnitte mit mehr als 9 %. Während am Mortirolo alles brachiale Gewalt ist, ist der Stelvio älter und eleganter. Er fühlt sich eher nach den französischen Alpen als nach Italien an, die Straße ist breit und der Belag ein Traum. Du siehst die TV-Bilder vom Rennen, Luftbildaufnahmen, die sich einzelne Fahrer herauspicken, die unten im Tal versprengt sind, und es ist Leiden als Kunstform. Du kannst mit dem Stelvio befreundet sein, aber niemals mit dem Mortirolo. Klar, wenn der Stelvio schlechte Laune hat, möchtest du auch ihn gewiss nicht reizen. Alles, was 2.750 Meter hoch ist, kann ziemlich bedrohlich wirken. Dieser Pass kann ein Alptraum sein, wenn er es will. Aber er wird auch auf dich achtgeben, dieser charismatische alte Charmeur. Er wird dir Tage bescheren, die du nie vergisst.

Geraint Thomas (Foto: Ineos)

Zum Rennen. Du hast am Stelvio mehrere Optionen zu attackieren, nicht zuletzt, weil der Anstieg so lang ist. Jede Attacke kann eine Weile vielversprechend aussehen und zwei Kilometer oder 20 Minuten später doch für die Katz gewesen sein. Wenn du kannst, ist es besser, abzuwarten. Sollen ruhig andere die Nerven verlieren. Sollen sie sich von Motorrädern und Helikoptern die Straße hinauf verfolgen lassen. Bleibe unsichtbar bis zu dem Punkt, an dem es wirklich zählt, dann wirf deine Maske ab und tritt richtig rein.

Sei dir aber im Klaren darüber, was richtig reintreten an diesem Berg bedeutet. Wenn du an der Spitze einer Gruppe fährst, kannst du am Stelvio einen schönen Rhythmus finden. Wenn du allmählich an Höhe gewinnst, musst du den Kopf bewahren. Es ist wie am Col du Portet: Je weiter hinauf es geht, desto heimtückischer wirkt sich die Höhe aus. Weiter unten kannst du mit 400 oder 420 Watt kalkulieren. Die gleiche gefühlte Anstrengung ist am Gipfel nur noch für 360 Watt gut. Lass dich von den Zahlen nicht verrücktmachen und gerate nicht in Panik. Wenn du attackierst, wird alles über 700 Watt dir den Rest geben. Je öfter du in solcher Höhe in den roten Bereich gehst, desto gefährlicher ist es für dich, nicht für deine Konkurrenten. Wenn du angreifen willst, streue eine kleine Tempoverschärfung ein, reiße ein Loch, dann nimm wieder Tempo heraus. Es ist so, wie als Teenager um die Häuser zu ziehen: Mach dir einen schönen Abend, aber kenne deine Grenze, auch wenn viele andere es nicht tun.

Und mach dir dein Team zunutze. Wenn du ein Kandidat für das Gesamtklassement bist, sind zwei Fahrer an deiner Seite am Fuß des Stelvio das absolute Minimum, das du brauchst. Auch dann werden sie sich für dich die Seele aus dem Leib fahren müssen. Wenn du einen Mann wie Jonathan Castroviejo bei dir hast, der sich zehn Kilometer lang für dich kaputtfährt, hast du das große Los gezogen. So oder so, behalte sie so lange wie möglich bei dir. An diesem Berg ist es schlimmer als am Mortirolo, auf sich allein gestellt zu sein, denn es ist immer möglich, schneller zu fahren; es pfeifen nicht alle sofort aus dem letzten Loch, weil es so ultrasteil wäre. Am Mortirolo bringt Windschattenfahren wenig: Dafür seid ihr dort viel zu langsam unterwegs. Am Stelvio hingegen kann es ziemlich hilfreich sein, vor allem, wenn Gegenwind herrscht und ins Tal hinab bläst. Teamkollegen vor dir können den Unterschied ausmachen, ob du 300 Watt treten musst oder 400.

Wenn deine Helfer ein ordentliches Tempo vorlegen, werden sie Attacken unterbinden, noch bevor diese überhaupt lanciert werden. Du kannst sie zum Begleitwagen schicken, um dir was zu essen und zu trinken zu holen, oder im Zweifelsfall auch mal ihre Verpflegung und ihre Trinkflaschen stibitzen, wenn es drauf ankommt. Sobald du die Fünf-Kilometer-Marke erreichst und es auf über 2.400 Meter geht, ist jeder auf sich allein gestellt. Aber du hast noch mehr Reserven, wenn deine Teamkollegen sich aufgerieben haben, um dich bis an diesen Punkt zu bringen.

So oder so musst du dir den Anstieg gut einteilen. Es ist, wie ein 40 Kilometer langes Zeitfahren im Flachen zu absolvieren: Du kannst die ganze Zeit kontrolliert Vollgas geben und wenn du hinterher platzt und im Ziel nicht mehr stehen kannst, spielt es keine Rolle. Wenn dir allerdings acht Kilometer vor dem Ziel die Puste ausgeht, heißt es »Game over«. Und wenn du am Stelvio platzt, in 2.000 Metern Höhe, ist das noch schlimmer als anderswo. Dir geht nicht einfach nur die Puste aus. Du explodierst.

Steigere dich allmählich. Würdest du dir eine Playlist für diesen Anstieg zusammenstellen, müsstest du sie wie für eine Hochzeitsfeier strukturieren. Es kann nicht von Anfang an hoch hergehen. Bringe »Sweet Caroline« nicht schon, wenn die Gäste noch beim Kaffee sind. Hebe dir das Stück auf, bis auf der Tanzfläche was los ist. Spiele »Delilah« erst, wenn alle sich in den Armen liegen und die Männer sich ihre Krawatten wie Rambo um die Stirn gebunden haben. Fängst du gleich mit Tom Jones an, kann es nur auf eine Art enden: im Fiasko.

Wenn du so lange fährst und dabei so viel wie nötig trinkst, musst du normalerweise anhalten und dem Ruf der Natur folgen. Doch am Stelvio wird nicht gepinkelt, denn du schuftest zu hart. Du schwitzt alles aus. Die größere Herausforderung ist, so lange deine Konzentration aufrechtzuerhalten. Es kann sein, dass deine Gedanken abschweifen. Soll Arsenal lieber noch einen Innenverteidiger holen? Auf wie viele Länderspiele wird es Alun Wyn Jones wohl bringen? Was soll ich Sa bloß zum Geburtstag schenken? Dann kommst du plötzlich wieder zu dir, schaust auf das Display deines Powermeters und stellst fest, dass du einen Bruchteil langsamer fährst, als du könntest. Und ein Bruchteil bedeutet bei großen Rundfahrten den Unterschied zwischen Podium und unter ferner liefen. Komm schon, du bist am Stelvio. Hier geht es um dich, nicht um Mikel Arteta.

Stilfser Joch (Foto: Radtag Stilfserjoch)

Deine Verpflegungsstrategie ist allein darauf ausgerichtet, dass du durchhältst. Nach einer Stunde bergauf kommt jeder an seine Reserven. Falls du auf derselben Etappe zuvor schon den Mortirolo gefahren bist, wie es beim Giro öfter der Fall ist, wirst du kaputt sein, egal, ob du im Gruppetto oder in der Spitzengruppe fährst. Du näherst dich allmählich dem Ziel, so dass du, um dich aufzurichten, ein wenig Zucker zu dir nehmen kannst, ohne befürchten zu müssen, dass auf den schnellen Kick ein baldiger Crash folgt. Haribo geht immer gut runter, vor allem nach drei Wochen einer Rundfahrt, in der du Tag für Tag die ewig gleichen Energieriegel gefuttert hast. Aus dem gleichen Grund sieht man am Stelvio jede Menge Tauschgeschäfte zwischen den Fahrern. Oh, das BratapfelGel sieht gut aus, ist das so lecker wie Schattenmorelle?

Das ist das Schöne am Gruppetto: Alle kümmern sich umeinander, während die Wilden an der Spitze nur darauf bedacht sind, sich gegenseitig zu vernichten. Zumindest, bis die ganze Kameradschaft 24 Stunden später dahin ist, wenn in Mailand alle in Richtung Ziel sprinten. Aber einstweilen gelten die normalen Regeln nicht. Du kippst alles in dich hinein. An der Spitze schluckt der Führende seine Gels streng nach Vorgabe, so wie es die Ernährungslehre gebietet. Du schluckst sie, wann immer du eins kriegen kannst.

Ich unterhielt mich einmal mit Adam Hansen, als wir am Stelvio im Gruppetto fuhren. Wir waren beide ziemlich alle, malten uns aus, was wir alles essen und trinken würden, wenn der Horror vorbei wäre. Adam ist ein echter Überlebenskünstler. Er hat 20 große Landesrundfahrten hintereinander bestritten, ohne eine auszulassen. Er weiß, worauf es ankommt. Und so erbarmte ich mich seiner, als ihm zehn Kilometer vor dem Ziel ein Zuschauer eine Flasche Bier reichte. »Oh, warum tut er dir das an, Kumpel? Das ist echt Salz in die Wunde. Soll ich zum Begleitwagen fahren und sie aufmachen?«

Ich hätte nur zu gern ein Schlückchen genommen. Aber Adam blieb standhaft. »Nö, passt schon, Kumpel. Weitermachen.«

Eine Dreiviertelstunde später schleppten wir uns als gebrochene Männer ins Ziel. Und Adam fuhr zu mir heran, sagte nur: »Bitte schön, Kumpel«, und reichte mir das Bier. »Du hast das den ganzen Weg für mich raufgeschleppt?« Mir kamen fast die Tränen. Und während das Bier vielleicht nicht die optimale Trinktemperatur hatte, so war es oben an der Passhöhe kalt genug, um als einer der besten Drinks in Erinnerung zu bleiben, die ich in meinem Leben getrunken habe.

Die andere große Freude, und eine weniger verbotene, ist eine mit heißem Tee gefüllte Trinkflasche, die dir von einem Teamkollegen vom Begleitwagen gebracht wird. Du musst ihn schnell trinken, denn in der Höhe wird er schneller kalt, als wir bergauf fahren, aber für die wenigen kurzen Momente, wenn du den Mund voll starkem, süßem Tee hast, bist du so glücklich, wie man als Radrennfahrer sein kann: an einem der tollsten Anstiege überhaupt, kurz vor dem Gipfel, nur noch eine Sonntagsprozession trennt dich von den Partys nach dem Rennen, und du trinkst etwas, um das alle um dich herum dich beneiden. Außerdem erinnert es dich an die Sonntagnachmittage bei deiner Oma.

Die Temperatur des Tees ist wichtig, weil die Kälte am Stelvio so beißend ist. Wenn es klar und kalt ist, ist es ideal. Du strengst dich so sehr an, dass du es gar nicht merkst. Wenn es schneit, ist es noch irgendwie okay, weil der Schnee trocken ist. Du kannst ihn abwischen. Es ist kalter Regen, den du am meisten fürchtest. Es sind drei Grad und du bist durchnässt und schickst Leute zurück zum Begleitfahrzeug, um zusätzliche Kleidung zu holen, aber wenn du anhältst, um sie überzuziehen, merkst du, dass du nicht die Beine hast, um wieder Anschluss zu finden. Deine Teamkollegen versuchen, dir zu helfen, aber auch ihre Finger sind taub und nun versucht ihr zu zweit, dir einen Handschuh über die nassen Finger zu ziehen, und das geht nie gut aus. Die Handschuhe sind gefüttert. Du hast zwei Finger in ein Loch gesteckt, also ziehst du sie raus und das Futter stülpt sich nach außen und du versuchst verzweifelt, deine Hand in etwas zu schieben, das wie ein Handschuh ohne Finger aussieht. Der Teamarzt springt aus dem Wagen, um zu helfen – nicht weil er ein Experte für Handschuhe ist, sondern weil er nicht damit beschäftigt ist, den Wagen zu lenken oder über Funk mit gescheiteren Fahrern zu sprechen. Du bist durchgefroren, hungrig und müde. Er hat eine exzellente Schulbildung genossen und ihm standen eine ganze Reihe vielversprechender Karrierepfade offen und er fragt sich, wie es so weit kommen konnte, dass er in strömendem Regen an einem Berg in Italien steht und einen Handschuh verwünscht.

Das Traumszenario? Du erfährst über Funk, dass dein Soigneur einen Kilometer weiter mit zusätzlicher Kleidung und Tee auf dich wartet. Du bist zu durchgefroren, um zu sprechen. Er kleidet dich an wie eine Mutter ihr Neugeborenes. Frische warme Mütze. Frische trockene Regenjacke, neue trockene Handschuhe. Einmal anschieben und zurück ins Gruppetto, auch die Verfolgung verschafft dir ein bisschen Wärme. Du fühlst dich prächtig. Es sind die kleinen Freuden, die das Leben erträglich machen.

Es gibt immer irgendwo Schnee am Stelvio. Es ist schwierig, den Anstieg im Vorfeld zu erkunden, weil die Passstraße meist erst kurz vor dem Giro richtig geöffnet wird. Oft ist sie noch auf beiden Seiten von hohen Schneewänden flankiert, wenn du kletterst – schmutziger, unansehnlicher Schnee, voll seltsamer schwarzer Bröckchen und Steine. Schnee, von dem man sich nicht vorstellen kann, dass er jemals schmilzt, selbst im August nicht.

Aber trotzdem ist es schön, wann immer du dort oben bist. Du musst einfach die Aussicht akzeptieren, die sich dir bietet. Wenn du gut drauf und vorne mit dabei bist, kannst du zurück auf die Lakritzschlange blicken und siehst, wie Fahrer auf der ganzen Strecke bis ins Tal verstreut sind. Und wenn du im Gruppetto bist, kannst du aufschauen und über die Gruppen sehen, die recht nah erscheinen, wegen der Spitzkehren aber eigentlich drei Kilometer und zehn Minuten entfernt sind. Du kannst den höchsten Punkt oben sehen und dann den besagten Punkt erreichen, nur um festzustellen, dass es gar nicht die Passhöhe ist. Es ist vielleicht nicht mal der Anfang vom Ende. Hoffentlich ist es wenigstens das Ende des Mittelteils, aber der Stelvio ist so lang und so reich an Spitzkehren, dass man sich nie ganz sicher sein kann.

Ich habe an diesem Berg Dinge gesehen, die ich nie vergessen werde. Thomas de Gendt, der die Etappe gewinnt und sich damit den dritten Platz beim Giro sichert. Anschließend sagte er, dass er sich nichts sehnlicher wünschte als ein paar Bratwürstchen, denn er hatte lange auf sie verzichtet, um Gewicht zu verlieren. Sein Spitzname im Peloton lautet dementsprechend seither »Sausages«. Man strotzt nicht gerade vor Einfallsreichtum, wenn man gerade den Stelvio raufgefahren ist.

Und ich habe meinen Freund Mark Cavendish im Zielbereich an der Passhöhe darauf warten sehen, dass er endlich erfuhr, ob er das Punktetrikot gegen Joaquim Rodríguez behauptet hatte, der am vorletzten Tag mindestens einen vierten Platz brauchte, um es ihm abzunehmen. Und dann wurde das aktualisierte Klassement vermeldet und Rodríguez lag nach 20 Tagen im Sattel einen einzigen mickrigen Punkt vor ihm und Cav heulte sich im Hotelzimmer die Augen aus, auf einmal nur ein Junge von der Isle of Man und nicht der arrogante Sprinter, für den ihn alle halten. Diese Bilder sind es, die in meinen Erinnerungen an diesen Anstieg herumgeistern.

Aber das ist es, was den Stelvio ausmacht. Es gibt immer Erinnerungen an diesen Berg und deine Begegnungen mit ihm, immer etwas, das du um die Welt mit dir nimmst, etwas Schönes oder Schlechtes oder etwas dazwischen.

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