„Ich weiß, wo meine Grenzen liegen – und das Schönste ist, wenn sie sich verschieben“

Jana Kesenheimer hat nach einem schweren Radunfall ihr bislang größtes Radabenteuer gemeistert: das Three Peaks Bike Race von Wien nach Nizza. Davon berichtet sie im Interview mit Veloine – und am 16. März beim großen R2C2-Themenabend „Mehr Frauenpower aufs Pedal!“

Jana steht im Zentrum der Dokumentation „Three Peaks & In Between“ (hier auf Vimeo zu sehen), die der Filmemacher Stephan Wieser erstellt hat – auch er wird beim Themenabend dabei sein.

Außerdem ist Jana (auf Instagram @jananas.banjana) seit kurzem Ambassador bei Veloine, einem Münchener Start-up, das Premium-Radbekleidung ausschließlich für Frauen anbietet. Und auch die Mitgründern und Geschäftsführerin Sandra Waschnewski wird beim Themenabend auftreten.

Das folgende Interview hat Veloine mit Jana geführt. Hier die Erstveröffentlichung.

Jana (Foto: Veloine)

Jana, wann und wie bist du zum Radfahren gekommen?

Ich bin in einer sehr Ausdauer-Sport-verrückten Familie aufgewachsen. Seit ich denken kann, laufen bei uns Tour de France, Vuelta und Giro im Fernsehen, und mein Papa pedaliert mehr als 10.000 km pro Jahr. Auch an weiblichen Vorbildern mangelte es mir nie: meine Mama ist auf dem Mountainbike unterwegs und rannte, als ich 18 Jahre alt war, einen Marathon. Ich dachte mir: was sie kann, kann ich auch und tat es ihr im folgenden Jahr gleich. Nach einigen Marathons stolperte ich über Freund*innen in den Triathlon, ich glaube es war im Jahr 2016. Das Rennrad, was ich mir für meinen ersten Triathlon am Tegernsee geliehen hatte, gab ich nie zurück. Ich kaufte es ab. Denn Eines war schnell klar: Das Radeln war meine Lieblings-Disziplin. Nach meinem Bachelor der Psychologie in Tübingen zog ich nach Innsbruck, wo ich die Berge und viele Rad-verrückte Freunde kennen und lieben lernte. Anfangs noch im Triathlon Verein, fuhr ich bald nur noch Rad… höher, weiter, Hauptsache steil. Nach ein paar Radmarathons war ich süchtig.

Fotos: Szenen aus dem Film „Three Peaks & In Between“

Was verbindest du mit dem Radsport?

Volle Zufriedenheit. Familie und Freund*innen beschreiben mich oft als stur. Im Alltag bin ich oft rastlos und ständig auf der Suche nach Veränderung. Wenn ich auf dem Rad sitze und meine Beine strampeln, ist mein Kopf frei. So authentisch wie auf dem Rad fühle ich mich sonst nie.

Janas Strecke bei „Three Peaks & In Between“

Im vergangenen Sommer hast du das Three Peaks Bike Race von Wien nach Nizza gefinished. Hattest du schon früh eine Vorliebe für Ultra-Distanzen, oder hat sich das mit der Zeit entwickelt?

Im Laufe der (Rad)-marathons und Triathlons merkte ich, dass ich, verglichen mit Mitstreiter*innen, immer besser war, je länger das Rennen dauerte. Lange Wettkämpfe wurden mein Ding. Eine ganz andere Seite des Radfahrens, abseits der Wettkämpfe, lernte ich auf dem Weg an den westlichsten Punkt Europas kennen. Dorthin radelte ich 2019 mit einer Freundin zusammen über 2400km. Das Überraschende: Es war einfacher als gedacht. Ein guter Freund inspirierte mich dann zu Langstrecken-Rennen, die wahrlich beide meiner Gemüter vereinen: auf der einen Seite Wettkampf und Ehrgeiz, auf der anderen Abenteuerlust und Langstrecke. Als ich mich zum Three Peaks anmeldete, hatte ich großen Respekt vor dem Three Peaks, aber auch noch nie zuvor eine so riesige Vorfreude.


R2C2-Themenabend: Mehr Frauenpower aufs Pedal!

Der Radsport war über lange Zeit eine von Männer dominierte Disziplin. Doch das ändert sich allmählich – zwar langsam, aber unaufhaltsam. Der R2C2-Themenabend „Mehr Frauenpower aufs Pedal!“ widmet sich diesem Trend mit einem vielfältigen Programm. Im Fokus stehen Tipps und Tricks für einen gelungenen Einstieg in den Radsport, aber auch inspirierende Impulse für noch mehr Freude auf dem Rad. Powered by Veloine und fahrrad.de

Termin: Dienstag, 16. März, ab 18 Uhr


Wie sah die Vorbereitung auf das Rennen aus, wie hast du dein Training gestaltet?

Im Gegensatz zu früheren Ein-Tages-Wettkämpfen habe ich für die Langstrecke gar nicht bewusst oder nach Plan trainiert. Zusammen mit einem Freund und Partner habe ich etliche Trips unternommen. Wir waren ab März, nach dem ersten Corona-Lockdown, fast wöchentlich auf Bikepacking Trips unterwegs. Zuerst nach Vorarlberg, dann Richtung Kärnten und Salzburg, schließlich nach Tschechien und in die Dolomiten. Auch meine Familie im 330k entfernten Zuhause überraschte ich auf dem Rad. Für mich war das kein „Training“ sondern die pure Freude am Radfahren. Ich sah in dieser „Vorbereitung“ für das Rennen so viele neue Orte und perfektionierte ganz nebenbei mein Setup. Außerdem wurde ich mit vielen technischen Pannen und meinem Equipment vertraut. Draußen schlafen war längst Routine geworden. Als ich am Start des Three Peaks stand, am 25. Juli 2020, hatte ich schon über 10.000km und 200.000hm in den Beinen, und so viel Spaß am Radfahren wie nie zuvor.

Nachts gönnte sich Jana meist nur wenige Stunden Schlaf.

Du bist Psychologie-Studentin. Welche Rolle spielt dein Kopf bei einem Rennen wie dem Three Peaks, bereitest du dich mental besonders darauf vor?

Seit letztem Jahr mache ich ein Doktorat in der Sozialpsychologie. Ich denke aber, es ist sehr viel wichtiger sich selbst gut zu kennen als die theoretischen Hintergründe. Aus etlichen privaten und sportlichen Herausforderungen weiß ich, wo meine Grenzen liegen. Das Schönste ist, wenn sich diese Grenzen verschieben. Im Bereich des Sports geschah das bei mir fast ohne dass ich es merkte. Es ist schön, jemanden an seiner Seite zu haben, egal ob Freunde, Familie oder Partner, die einem noch mehr zutrauen als man sich selbst. Wann immer ich dachte, ich könne das nicht, wurde ich eines Besseren belehrt. Zu zweit fällt das leichter. „Alle sagten es geht nicht, und dann kamen zwei, die wussten das nicht, und haben’s einfach gemacht!“ Grenzen des Möglichen sind nur im Kopf! Das Mindset ist deshalb besonders (aber nicht nur) auf der Langstrecke entscheidend. Die Beine können schon treten, wenn der Kopf will.

Was würdest du rückblickend sagen war beim Rennen der schwierigste Moment für dich?

Sehr passend zum Mindset: Tatsächlich war es für mich nie so schwer wie im Three Peaks Bike Race, die Motivation zu behalten. Schon am zweiten Tag, mit üblen Knieschmerzen war ich der Überzeugung, dass es eine sehr naive Schnapsidee gewesen war, dieses Rennen zu fahren. Es ist nicht so, dass ich nie den Mut verliere. Wichtig ist zu lernen, dass man selbst Herr/Frau seiner Emotionen und Stimmungen ist, und man vieles davon durch einen Sichtwechsel beeinflussen kann. Man ist nicht Opfer seiner Gefühle. Beim Three Peaks hatte ich unterschiedlichste Strategien: Manchmal war es besser, sich mit Podcasts vom Radfahren abzulenken und ganz nebenbei zu pedalieren. Manchmal war es schön, das Erlebnis des Radfahrens in sagenhafter Natur noch durch die richtige Musik zu intensivieren. Schwierige Momente gab es viele, meistens waren die aber emotionaler und motivationaler Natur. Und ich bin froh, dass ich es geschafft habe, die pure Freude am Radfahren jedes Mal wieder zu finden.

Jana (Foto: Veloine)

Was war der vielleicht schönste Moment im Rennen?

Der eine schönste Moment ist unmöglich zu benennen. Den ersten Checkpoint an der Edelweißspitze (Großglockner) vor dem Gewitter zu erreichen. Den Albulapass bei Sonnenuntergang zu erklimmen. Als es am dritten Tag endlich warm wurde. Ein kaltes Eis auf einem Markplatz in Frankreich. Die Entscheidung, nicht mehr auf dien Renn-Webseiten zu schauen, und mich wieder nur aufs Radfahren zu besinnen. In der angenehmen Kühle der Nacht den Mont Ventoux hoch radeln, spontan. Morgens in der Schlucht von Verdon einen Café au Lait zu trinken und das vierte Pain au Chocolat in Folge zu verschlingen. Meine Familie, die mich im Ziel überrascht und der lang ersehnte Sprung ins Meer.

In der Three Peaks Dokumentation sprichst du auch darüber, dass du vor nicht so langer Zeit einen schweren Radunfall hattest. Was hat der Unfall mit dir gemacht, und wie hast du zurück aufs Rad gefunden?

In der Vorbereitung zum Ötztaler Radmarathon 2019 bin ich zwei Wochen vor dem Event gestürzt. Mein Vorderrad hatte sich in einem Riss im Asphalt verkantet und ich ging urplötzlich über den Lenker. Die physische Folge war eine dreifache Unterkiefer-Fraktur mit Bruch des mittleren Gehörgangs. Ich verbrachte zwei Wochen stationär in der Klinik und bin bis heute noch immer mit Physiotherapie usw. in Behandlung. Ich hatte großes Glück. Trotzdem war es eine harte Zeit, die mir auch psychisch einiges abverlangte. Ich glaube, ich habe drei Wochen lang jeden Tag geheult. Weil ich nichts essen konnte, kaum sprechen, oder es einfach weh tat. Den Ötztaler Radmarathon konnte ich natürlich nicht mitfahren, war aber im Ziel dabei, um wenigstens die Stimmung aufschnappen zu können. Ich nahm mir vor, stattdessen einen Marathon zu rennen, was ich dann im November auch tat. Die Lebensfreude kam zurück und mit ihr eine unendliche Dankbarkeit. Im Januar war ich zurück auf dem Rad – ganz vorsichtig (und gegen ärztlichen Rat), denn ein erneuter Sturz hätte bedeuten können, niemals wieder essen zu können. Trotzdem war es mental wichtig, Vertrauen zurück zu gewinnen. Zwei Mal erlebte ich eine Panikattacke auf dem Rad, dann wurde es besser. Aus meinem Studium wusste ich: die Angst geht nur, wenn ich Rad fahre (und nichts passiert). Und so war es. Ich fuhr Rad. Es passierte nichts. Nachdem ich diese Angst überwunden hatte, packte mich die Begeisterung umso mehr. Ich war bereit für neue Abenteuer.

Im vergangenen Jahr haben viele Menschen den Radsport für sich entdeckt, auch besonders viele Frauen. Welche drei Ratschläge würdest du einer Anfängerin mit auf den Weg geben?

Einfach machen! Manchmal ist es besser, nicht zu viel zu denken. Es regnet? Die anderen sagen dir, dein Rad ist uncool? Du weißt nicht, wohin? Egal. Geh einfach raus, setz dich auf dein Rad, und siehe da, es macht Spaß – no matter what. Umdrehen und heim fahren kann man immer wieder. Der Weg ist das Ziel.
Trau dich zu Fragen! Niemand wird mit Expertise geboren. Was man nicht selbst lernt, lohnt es sich bei anderen abzuschauen. Trau dich andere Radfahrer*innen zu fragen, egal ob auf Social Media oder im Real-life. Biketalk ist immer willkommen!
Eine Frau zu sein hat Vorteile! Klar, es ist nervig beim Bikepacking seine Tage zu bekommen und bei kurzen Sprints haben wir gegen die Männer (meistens) keine Chance. Aber: wenn es abenteuerlich wird, wenn es lang wird, und wenn es darum geht, wer unbeschwert am meisten Spaß hat? Mindestens Gleichstand. Außerdem: wenn du mit dem Rad unterwegs bist wirst du immer leicht Leute finden, die dir im Zweifel helfen. Auch wichtig: hab keine Angst. Allein draußen schlafen hat mich noch nie (!) in Probleme gebracht.

Was hast du dir für 2021 vorgenommen?

Ich hoffe sehr, dass ich wieder sturzfrei durch das Jahr komme – die Gesundheit ist der wichtigste Grundstein für Spaß. Wenn es die Pandemie-Situation zulässt, starte ich bei einigen Events: Das Italy Divide im April, die Tour Transalp zusammen mit Lulu (@lulu.on.tour) im Juni, der Ötztaler Radmarathon (ich habe eine Rechnung zu begleichen…) und Trans Pyrenees. Und ich bin gespannt, welche Bikepacking Abenteuer noch auf mich warten.

Foto: Veloine, Kathrin Schafbauer

Über Veloine

Veloine bietet Premium-Radbekleidung ausschließlich für Frauen. Das Münchener Start-up, dessen Name so viel wie „Radheldin“ bedeutet, wurde in diesem Jahr als einer der Top-Newcomer der internationalen Sport-Branche ausgezeichnet.

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