Mythos Glocknerkönig – ein Erfahrungsbericht

Es ist der ultimative Härtetest für jeden Alpin-Radfahrer. Die Besteigung des höchsten Berges Österreichs im Rahmen des legendären Glocknerkönigs. Wenn die Großglockner Hochalpenstraße exklusiv für den Autoverkehr gesperrt wird, gehört der Asphalt uns Radsportlern allein. Frederik Böna, Author bei unserem RennRad-Magazin hat sich der Herausforderung gestellt.

Nach zehn Kilometern geht es zum ersten Mal bergauf. Dies ist nur der erste, eigentlich noch recht harmlose Teil des wohl berühmtesten Anstiegs Österreichs: des Großglockners. Doch ich merke sofort: Ich habe richtig schlechte Beine. Nicht nur die Muskeln schmerzen, sondern vor allem mein Kiefer. Schon seit ein paar Tagen habe ich Zahnschmerzen – und ausgerechnet heute, am Tag des Glocknerkönigs 2025, eskaliert es. Je mehr ich mich anstrenge, desto schlimmer wird es. Ab 300 Watt pochen der Zahn und meine ganze linke Backe so sehr, dass ich den Schmerz selbst im Auge und im Ohr spüre.

Erinnerungen an 2023 und das große Ziel

Bei meiner Teilnahme im Jahr 2023 habe ich, bei sehr kalten und regnerischen Bedingungen, 1:25:35,9 Stunden gebraucht – und landete damit auf Platz 21 von rund 1000 Teilnehmern in der Classic-Wertung. In diesem Jahr ist meine Form besser. Mein Ziel im Vorfeld ist klar: Ich will schneller sein als zwei Jahre zuvor.

Doch schon jetzt, nur wenige Minuten nach dem Start, verabschiede ich mich innerlich von diesem Ziel. Hier, in dieser ersten kurzen und nicht besonders anspruchsvollen Steigung, überholen mich bereits etliche Fahrer.

Der Großglockner-Anstieg beginnt

Nach etwa drei Kilometern mit einer durchschnittlichen Steigung von rund sieben Prozent flacht die Straße wieder ab und wir fahren durch die Kassenstelle Ferleiten. Ich versuche, mich irgendwie kurz zu entspannen, atme tief durch und stelle mich auf das ein, was vor mir liegt.

Denn jetzt, nach etwas mehr als 14 Kilometern, beginnt der eigentliche Anstieg hinauf zum Fuscher Törl auf eine Höhe von 2428 Metern über dem Meeresspiegel. Die Daten: 13 Kilometer, 1260 Höhenmeter. Die durchschnittliche Steigung beträgt 9,7 Prozent.

Perfekte Bedingungen: Sonne und Schnee

Hier, im unteren Teil des Anstiegs, zeigt mein Radcomputer jedoch durchgehend mehr als zehn Prozent Steigung an. Ich versuche, mit einer Leistung von 330 bis 340 Watt zu fahren – mehr als zehn Watt unter meiner individuellen anaeroben Schwelle (IANS). Im Training konnte ich mit dieser Leistung zu Beginn der Woche recht problemlos noch über eine Stunde lang fahren. Doch heute fühlt es sich gar nicht gut an.

Irgendwie kann ich 330 Watt halten – doch ich muss dafür schon jetzt am Limit fahren. Etwas mehr als zwei Kilometer, bis zur ersten von insgesamt 18 Kehren, fahre ich mit dieser Leistung, dann reduziere ich sie auf 320 Watt. Gezwungenermaßen. Mehr geht heute einfach nicht.

Wattwerte, Herzfrequenz und Schmerzen

Dabei sind die Bedingungen perfekt. Die Sonne scheint, am Himmel ist keine Wolke zu sehen und es hat knapp über zehn Grad Celsius, obwohl es noch nicht einmal acht Uhr am Morgen ist. Vor mir sehe ich den Schnee auf den Bergen des Nationalparks Hohe Tauern. Doch ich sehe leider auch immer mehr Fahrer davonziehen.

Meine Wattwerte stimmen einfach nicht mit meinem Körpergefühl überein. Gefühlt fahre ich schon seit dem Beginn des Anstiegs über meiner Schwelle. Doch laut meinem Radcomputer trete ich 30 Watt weniger. Meine Herzfrequenz passt merkwürdigerweise zu meinen Wattwerten: 167 Schläge pro Minute. Eigentlich kann ich gar nicht am Limit sein.

Zuschauer, Schmerzen und mentale Kämpfe

Ab dem Rastplatz Piffkar auf einer Höhe von 1620 Metern spüre ich: Ich muss noch langsamer fahren. Nun leiste ich nur noch 310 Watt. Die Aussicht wird mit jeder Kehre besser. Doch ich kann sie nicht genießen.

Am Straßenrand stehen immer mehr Zuschauer und feuern uns an. Heute kann mich das aber nicht motivieren. Ich bin zu sehr auf die Schmerzen fokussiert. Ich will einfach nur noch irgendwie oben ankommen. Doch, gefühlt, nimmt der Anstieg kein Ende.

Die letzten Kilometer zum Fuscher Törl

Noch rund fünf Kilometer und 480 Höhenmeter bis ins Ziel. Das entspricht in etwa der Länge meines Hausbergs, den ich fast jeden Tag hoch- und runterfahre. Normalerweise würde ich das schon als „Finale“ bezeichnen, als „Endspurt“. Doch jetzt habe ich eher das Gefühl, als würde noch der Mortirolo vor mir liegen.

Mein Zahn und die gesamte Backe pochen immer mehr. Ich muss meine Leistung noch einmal reduzieren, auf nun 300 Watt. Doch selbst damit habe ich noch Probleme. Ich blende die Leistung auf meinem Radcomputer aus. Ich will die Wattwerte nicht mehr sehen.

Kampf bis ins Ziel – trotz Schmerzen

Noch drei Kilometer. In einer Kehre, die den Namen „Edelweißwand“ trägt, lese ich auf einem Schild, dass ich auf einer Höhe von 2230 Metern über dem Meeresspiegel bin. Mit der „dünnen“ Luft in der Höhe hatte ich bisher noch nie Probleme. Heute zum Glück auch nicht.

Noch 300 Meter bis zum Fuscher Törl. Noch 200. Die Straße wird noch einmal steiler. Ich gehe aus dem Sattel und versuche zu sprinten. Doch es geht einfach nicht. Nach 1:28:40,1 Stunden krieche ich über die Ziellinie – und bin extrem frustriert.

Nach dem Rennen: Enttäuschung und Reflexion

Im Zielbereich auf der Passhöhe halte ich gar nicht an, sondern rolle ein paar Hundert Meter weiter bergab in Richtung Heiligenblut. Nach wenigen Minuten bin ich alleine. Um mich herum: Stille. Ein Murmeltier überquert die Straße. Ich halte an, setze mich auf das Oberrohr meines Rades und versuche, meine Gedanken zu sortieren.

Dann drehe ich um und fahre zurück zum Zielbereich. Auf den kostenlosen Kaiserschmarrn verzichte ich mit meinen Zahnschmerzen lieber. Kurz unterhalte ich mich mit ein paar anderen Teilnehmern, dann fahre ich zurück zum Hotel in Bruck.

Fazit: Frust und Motivation für den nächsten Glocknerkönig

Auf meinem Weg nach unten kommen mir etliche Fahrer entgegen. Für einige ist die Fahrt zum Fuscher Törl die längste Steigung ihres Radsportlerlebens. Für mich war sie heute eine extrem frustrierende Grenzerfahrung. Doch ich weiß schon jetzt: Im nächsten Jahr bin ich definitiv wieder am Start.

Geschrieben von Frederik Böna, im Original auf www.radsport-rennrad.

Die Radclub-Mitgliedschaften in der Übersicht

Mag

  • Jeden Monat die ElektroRad, Radfahren oder RennRad als Print- und/oder Digitalausgabe*
  • Wähle Dein Begrüßungsgeschenk aus (z.B. Gutschein)
  • Profitiere von über 30 Preisvorteilen und exklusiven Angeboten
  • Nimm an monatlichen Webinaren (z.B. Kaufberatungen) teil
  • Mache bei attraktiven Verlosungen mit
40€* – 80€/ Jahr

R2C2

  • Ab dem 2. Jahr neue Artikel aus der R2C2-Kollektion
Und alle Vorteile aus dem PaketMag
ab 110€/ Jahr