Hart, härter, Ötztaler Radmarathon

Der Erfahrungsbericht vom Ötztaler Radmarathon von R2C2-Mitglied Lisa Brunnbauer. Ursprünglich erschienen hier.

Es ist an der Zeit Abschied zu nehmen. Abschied vom klassischen Ötztaler Radmarathon wie man ihn kennt, als Saisonhöhepunkt vieler Radsportler, als letzten Akt der Radsportsaison. 2022 war voraussichtlich das letzte Jahr, in dem der Ötztaler Radmarathon Ende August oder Anfang September ausgetragen wurde. Nächstes Jahr wird die Austragung in den Juli verlagert.

Dieser frühere Termin bleibt wohl auch die Folgejahre erhalten. Dabei wird die klassische Strecke durch die Umfahrung der Orts Sterzing dauerhaft verlängert. Dieses Jahr erwarteten die Teilnehmer sogar drei Streckenänderungen, welche für über 300 Höhenmeter extra sorgten. Aber wie heißt es so schön: Hart, Härter, Ötztaler.

Der Ötztaler Radmarathon schreibt viele Geschichten. Über 4000 Geschichten sind es jedes Jahr. Nur wenige Fahrer fahren ein Rennen gegen andere und fahren dabei um Platzierung bzw. das Siegespodest. Für zahlreiche Teilnehmer ist die persönliche Geschichte, der persönliche Traum, das Erreichen des Ziels und somit als Finisher die Veranstaltung verlassen zu können!

Ein weiterer Großteil der Radfahrer ist quasi Stammgast und möchte die eigene bisherige Zielzeit vorheriger Teilnahmen unterbieten. So fahren die meisten ein Rennen gegen die Uhr und gegen sich selbst. Und ich? Ich bin ebenfalls Wiederholungstäterin. Es ist meine vierte Teilnahme. Dieses Jahr war aber (fast) alles anders für mich. Dieses Jahr war es nicht selbstverständlich, dass ich die volle Strecke bewältigen kann.

Die Vorbereitung

Enormer Leistungsverlust, Muskelabbau und Gewichtszunahme prägten 2021. Bis Ende 2022 hieß es für mich wieder in Form zu kommen, das bei weniger Trainingszeit, fehlender Möglichkeit der festen Trainingsplanung und permanentem Schlafmangel. Nein, kein Unfall, kein COVID, ich habe das Glück 2021 Mama geworden zu sein.

Ist es möglich als Hobbyradsportler den Ötztaler Radmarathon zu bewältigen und das ohne einem festen Trainingsplan zu folgen und das Training dem Alltag anzupassen? Ich kann diese Frage mit Gewissheit bejahen. Natürlich darf man sich nichts vormachen. Einen Ötztaler Radmarathon schüttelt niemand einfach aus dem Handgelenk. Und mit einem Mythos möchte ich aufräumen: Der bloße Wille alleine befähigt niemanden das Ziel beim Ötztaler zu erreichen.

Das Leiden beginnt im Training

Das Rennen ist anstrengend und auch phasenweise eine Qual, ein Leiden. Leiden zeichnet eine Leidenschaft aus. Leidensfähigkeit ist allerdings nicht nur im Rennen wichtig, sondern vor allem auch in den Monaten vorher nötig. Ähnlich wie bei einem klassischen Marathon im Laufsport, muss auch für den Ötztaler Radmarathon ein gewisser Umfang an Kilometern im Vorfeld erreicht werden. Anders als im Laufsport, kann man sich im Radsport Kilometer auch “ermogeln”. Laufen ist immer anstrengend, selbst wenn man langsam läuft. Auf dem Fahrrad lässt es sich hingegen auch gemütlich rollen.

Wessen Rennradtraining hauptsächlich im Windschatten großer Gruppen stattfindet, der wird deutlich mehr Kilometer absolvieren müssen, als jemand der alleine gegen den Wind seine Strecken zurücklegt Neben „flachen“ Kilometern spielen auch Höhenmeter beim Ötztaler eine Rolle. Wer in den Bergen wohnt und die Möglichkeit hat permanent am Berg zu trainieren, der hat einen Vorteil. Dies zeigt sich durch die Bank in allen alpinen Rennen in den Ergebnislisten, in denen Bergmatadore die vorderen Plätze dominieren.

Trainingslager vs Mutterschaft

Nicht in den Bergen zu wohnen, ist aber keine Ausrede. Die grundlegende Ausdauer für einen Ötztaler kann man auch ohne Höhenmeter erwerben. Geht es dann um die Leistungsfähigkeit am Berg, ist Kraftausdauer von Nöten. Um letzteres zu erreichen, behelfen sich viele Flachlandtiroler mit Wochenenden und Urlauben in den Bergen. Bereits im Winter fangen viele mit dem bergspezifischen Training an, indem sie sich ein oder zwei Wochen Urlaub in den südlichen Gefilden wie auf Mallorca oder den Kanarischen Inseln gönnen – natürlich nicht zum Abspannen, sondern um Kilometer und Höhenmeter zu sammeln.

Im Frühjahr folgt dann das nächste Trainingslager und in Abständen von etwa zwei Monaten meist die nächsten Radurlaube in den Alpen. Dazwischen gibt es Wochenendausfahrten mit hohen Umfängen. Dieses Jahr hatte ich nicht die Möglichkeit wie gewohnt zu trainieren. Längere Touren am Stück gab es nicht. Das Maximum waren zwei Stunden. Die Fahrten fanden ohne nennenswerte Höhenmeter im Flachen bzw. auf der Rolle statt. Ausnahme davon waren zwei Urlaube von insgesamt zweieinhalb Wochen in den Südtiroler Alpen. Ich war mir nicht sicher, ob diese Art des Trainings reichen würde überhaupt die Strecke des Ötztalers bewältigen zu können.

Das Rennen

Ich habe einen Traum! Einen Traum von Weihnachtsbäumen, Frühstückssemmeln und anderen Kuriositäten. Aber der Reihe nach. Nach dem Startschuss geht es dieses Jahr zunächst hinter einem Pace-Car die Abfahrt nach Ötz hinunter, bevor die Fahrt freigegeben wird. Ich fahre dieses Jahr besonders vorsichtig und passiv. Der Irrsinn beginnt bereits in Sölden: riskante, hirnrissige und sinnlose Überholmanöver. Dabei lässt sich in der Abfahrt fast keine Zeit gut machen. Allerdings ist dieser Abschnitt höchst unfallträchtig.

Es sind zu viele Fahrer auf der Strecke, so dass zwangsläufig auch rechts überholt wird. Überholt wird dabei haarscharf. Ziehharmonika-Effekte treten auf. Ich bin heilfroh als die Abfahrt zu Ende ist. Das Kühtai hinauf geht das Gedränge zunächst weiter. Ich fühle mich nicht gut. Ich bin keine langen Anstrengungen mehr gewöhnt, aber das Gefühl trügt. Ich erreiche die Passhöhe genau zwei Stunden nach Rennbeginn. Für mich ein persönlicher Rekord und das obwohl ich mich objektiv betrachtet weniger angestrengt habe, wie die Daten meines Pulsmessers zeigen.

Während ich normalerweise die Abfahrt vom Kühtai laufen lasse und kaum die Bremsen betätige, nehme ich dieses Jahr ab und an etwas Tempo raus. Die erste der drei Streckenänderungen beginnt in Sellrain und leitet die Fahrer mitten in der Abfahrt eine kurze Steigung hinauf. Diese mündet in eine Passage mit geringem Gefälle, so dass man wieder in Kematen auf die Originalstrecke gelangt. Das Ganze kostet mich verglichen mit 2019 gut 16 Minuten mehr.

Den Brenner bestreite ich zu einem Großteil alleine. Windschattenfahren macht nur bis zu einer gewissen Steigung bzw. Geschwindigkeit Sinn. Oftmals ballern viele Radfahrer zu Beginn der Brenners viel zu viel. Das Stück ist relativ steil. Ich lasse die erste Gruppe ziehen und fahre mein Tempo. Viele Fahrer der Gruppe sehe ich später wieder.

Alleine am Brenner

Das Auto der Rennleitung fährt am Brenner neben mir her und mein Fahrrad wird begutachtet. Vermutlich aufgrund meiner exotischen Satteltasche, in der des öfteren ein Akku vermutet wird. Energie ist neben meiner Regenjacke wirklich in der Tasche versteckt: Gels und Riegel, die ich für die zweite Streckenhälfte ab dem Brenner eingeplant habe und mir am Ende des Brenners in die Rückentaschen stecke.

Insgesamt nehme ich während des Rennens rund 100 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde zu mir. Dieses Mal mehr feste Nahrung als sonst in Form von sechs Riegeln. Viele Teilnehmer sagten mir im Vorfeld, dass sie keine feste Nahrung während der Belastung zu sich nehmen könnten. Dies scheint jedenfalls sehr individuell zu sein. Ich hatte auch etwas mit den Riegeln zu kämpfen, staunte dann nicht schlecht als ein Rennfahrer neben mir bei voller Fahrt mit über 30 km/h ein großes (!) belegtes Brötchen auspackte und sich in den Mund steckte.

Nach der Labestation am Brenner war eine „neutralisierte Zone“ eingerichtet. Von der ursprünglichen Strecke wurde abgefahren und rund 2 Kilometer auf den Radweg ausgewichen. Dort waren maximal 25 km/h erlaubt. Vor und nach der Zone fand eine Zeitnahme statt. Wie viele andere Radfahrer, ging auch ich irrtümlich davon aus, dass die Fahrzeit in der Zone neutralisiert wäre und nicht gewertet wird, weshalb ich dort anhielt und via Smartphone Nachrichten schrieb. 11 Minuten kostete mich die Aktion. Nach der Abfahrt vom Brenner erfolgt die Umleitung bei Sterzing mit einem kurzen aber dem wohl steilsten Anstieg des Rennens.

Der Jaufenpass: Der Beginn des Finales

Bis zu diesem Punkt ist der Ötztaler vielen anderen alpinen Rennen ähnlich: gut 140 Kilometer und 2500 Höhenmeter, das schafft der durchschnittliche Radfahrer im Renntempo. Ab dann beginnt das eigentliche Rennen, der eigentliche Ötztaler. Nach der Abfahrt vom Brenner bin ich so unendlich müde, dass ich mich glatt an den Straßenrand legen könnte und sicher sofort einschlafen würde. Die kurze Nacht vor dem Ötztaler und vor allem die kurzen Nächte der letzten Monate lassen sich nicht leugnen. Die Müdigkeit verflog allerdings mit dem Anstieg zum Jaufenpass und dem zunehmenden Adrenalin in meinem Blut.

Zur Begrüßung steht dieses Jahr am Fuß des Jaufenpasses ein Weihnachtsbaum. Vermutlich ist es keine Tanne, sondern eine ordinäre Fichte. Sie ist auffällig dekoriert mit Früchten und glitzerndem Lametta – so scheint es mir zunächst. Beim Näherkommen entpuppt sich die Deko als Bananenschalen sowie Verpackungen von Riegeln und Gels. An den Labestationen sind Zonen eingerichtet, in denen Müll entsorgt werden kann. Offensichtlich werfen einige Fahrer ihren Müll aber lieber in die Landschaft. Hier, am Fuß des Jaufenpasses, beginnt das eigentliche Rennen.

Der Jaufenpass läuft für mich recht gut. War ich am Kühtai noch etwas eingerostet und zurückhaltend, so lege ich jetzt einen Zahn zu. Die Abfahrt nach St Leonhard ist wie immer ein geschmeidiger Traum und das mildere Klima dort weht mir entgegen. Am Timmelsjoch herrscht Stille. Dieses Jahr sind recht wenig Zuschauer vor Ort. Die Fahrer sind mit sich selbst und ihrem Leiden beschäftigt. Niemand spricht ein Wort.

2574 Meter Höhe: Das Timmelsjoch

Als ich den Gipfel erreiche werden die Wolken immer dunkler und ich streife mir meine Weste über. Ich werde nicht verschont. Auf mich wartet einer der von mir vorhergesagten Regenschauer. Am Gegenanstieg beginnt es zu tröpfeln und an der Mautstation fängt es an zu schütten. Ich habe keine Lust mir meine Regenjacke anzuziehen, zumal der Schauer nach wenigen Kilometern zu Ende sein wird. Völlig durchnässt geht es Richtung Sölden und ins ersehnte Ziel mit persönlicher Bestzeit.

Nach der schwierigen Vorbereitung auf das Rennen, hätte ich mir ein solches Ergebnis nicht erwartet. Die Strecke war umfangreicher als sonst, weshalb sich die Zeiten mit früherer Jahre nur bedingt vergleichen lassen. Das Kühtai fuhr ich in persönlicher Bestzeit hinauf.

Den Jaufenpass fuhr ich mit einem persönlichen Rekord hoch sowie hinunter. Abzüglich der zusätzlichen Zeit durch die Umleitungen im Vergleich zu den Daten aus 2019, komme ich auf eine Rennzeit von 9:03 Stunden. Was bleibt unterm Strich? Es ist durchaus machbar bei einem Radmarathon wie dem Ötztaler ohne einem klassischen Trainingsplan ein hervorragendes Ergebnis zu erzielen.

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