„Cape to Cape“: Wir verlosen drei Bücher zu Jonas Deichmanns Rekordfahrt

Ein Leben im permanenten Abenteur-Modus: Aktuell ist Jonas Deichmann auf einer Weltreise im Triathlon-Modus unterwegs: einmal um den Planeten, 40.000 Kilometer, schwimmend, radfahrend, laufend – worüber Jonas kürzlich beim R2C2-Gravel-Themenabend über 500 Zuschauern live berichtet hat.

Dabei hatte der gelegentlich als „Messias der Langstrecke“ bezeichnete Münchner erst Ende 2019 ein anderes Abenteuer absolviert: 18.000 Kilometer auf dem Rad vom Nordkap in Norwegen nach Kapstadt in Südafrika – in der Rekordzeit von 72 Tagen. Das bei Delius Klasing erschienene Buch „Cape to Cape“ dokumentiert die Rekordfahrt. Der R2C2 verlost unter Clubmitgliedern drei Exemplare des Buchs, das kürzlich vom Blogger-Netzwerk „Wriders Club“ als Fahrradbuch des Jahres 2020 ausgezeichnet wurde.

Das Buch liefert die Hintergründe zum hart erkämpften Weltrekord, schildert die Etappen der Fahrt durch 15 Länder, darunter Iran, Russland, Ägypten, Eritrea und Südafrika. Die meist großformatigen Fotos stammen vom Düsseldorfer Fotografen Philipp Hympendahl, der Jonas einen Teil der Strecke begleitete, bevor er verletzt aufgeben musste. Den Text des Buchs hat „Tour“-Autor Tim Farin beigesteuert.

Die Verlosung

Der R2C2 verlost unter Radclub- und R2C2-Mitgliedern und Magazin-Abonnenten (RennRad, aktiv Radfahren, ElektroRad) drei Exemplare des Buchs (zur Teilnahme bitte das Formular unten ausfüllen). Bitte das Formular unten am Ende des Artikels ausfüllen.

Teilnahmeschluss: 31. Dezember 2020

Jonas Deichmann, Philipp Hympendahl, Tim Farin:
Cape to Cape. In Rekordzeit mit dem Fahrrad vom Nordkap bis nach Südafrika
Delius Klasing, ISBN 978-3-667-11967-4, 29,90 €

Mehr Infos zum Buch

Die Leseprobe

Iran: In der Wüste der Herzlichkeit

An Tag 21 der Fahrt ist der Himmel über der Küste des Kaspischen Meers blau, ein schöner Samstagmorgen. Der bevorstehende Grenzübertritt in den Iran motiviert Jonas und Philipp, sie sind freudig, aufgeregt und auch etwas angespannt. Denn jetzt, nach drei Wochen ihrer Abenteuerfahrt, steht der nächste Schritt an. Was wird sie in der Islamischen Republik erwarten?

An diesem Vormittag wirkt das Grenzstädtchen As­ tara surreal. Auf den Straßen ist kaum etwas los, und je näher Jonas und Philipp der Grenze zum Iran kommen, desto weniger Menschen sehen sie. Außer ihnen ist nur noch ein Lastwagen unterwegs, ansonsten kein Mensch weit und breit. Als sie am Grenzhäuschen, einem Blech­ pavillon mit Gittertoren, auf aserbaidschanischer Seite ankommen, ist dort gerade Pause. Der Grenzer schläft, niemand wird abgefertigt. Jonas und Philipp müssen warten, fast unerträglich lange. Als sich dann endlich ein Grenzbeamter zeigt und sie heranwinkt, nimmt er sich viel Zeit. »So etwas mag ich überhaupt nicht, wir verlieren wieder unnötig zu viel Zeit. Wir haben heute noch ein paar Stunden vor uns«, sagt Jonas.

Nach der Ausreisekontrolle schieben die beiden ihre Räder auf die Brücke, die die beiden Länder verbindet: ein zweispuriges Bauwerk mit weißem Geländer, be­ flaggt mit den blau­rot­grünen Farben Aserbaidschans und, hinter einem Bogen in der Mitte, der grün­weiß­ roten Trikolore der theokratischen Republik. Staub be­ deckt die Metallfahrbahn, dichte grüne Bäume werden sichtbar, das schmale Flüsschen Astarachay unter ihnen markiert die geografische Grenze.

»Was ist das denn?«, entfährt es Philipp, als er den ira­ nischen Grenzposten sieht. »Wo kommen die ganzen Leu­ te denn her?« Vor der Grenze, auf der iranischen Seite, stehen plötzlich Hunderte Menschen vor den beiden. Als sie ihre Räder näher heranschieben, sehen sie zwei lange Schlangen vor sich: eine mit Männern und eine mit Frau­ en, die mit Kopftuch oder Schleier bedeckt auf ihren Ein­ lass warten. Das ist ein starker Kontrast zur anderen Seite des Flusses, und auch Jonas und Philipp fallen in ihren knappen, hautengen Funktionstextilien auf. Manche der Wartenden, vor allem Männer, blicken verständnislos zu ihnen herüber.

Ein Grenzbeamter sieht die beiden schon von Weitem. Er winkt sie zu sich heran. »Was will der jetzt bloß von uns?«, fragt Philipp. Da ist ein mulmiges Gefühl, eine Unwägbarkeit, die Furcht, hier für etwas sanktioniert zu werden, das man unwissentlich falsch macht. Das Gefühl, dass hier eine ernste Gefahr für ihr Vorhaben droht, für ihre Rekordfahrt von Nord nach Süd.

Doch der Grenzer ist nett, freundlich und überaus sym­ pathisch. Er lächelt und fragt, was die beiden vorhaben. Auf Englisch macht er sich gut verständlich. »Hier kom­ men nicht so viele Ausländer her, das ist etwas Besonde­ res«, sagt er. Der Beamte kontrolliert die Visa, alles korrekt. Die eigentliche Kontrolle ist schnell erledigt, und nach ein bisschen warmem Smalltalk dürfen die Deutschen an den beiden Schlangen vorbei. Danach werden noch die Taschen durchleuchtet und noch einmal viele Fragen gestellt, ehe die beiden das Grenzgebäude verlassen.

In eine andere Welt

Es fühlt sich an, als würde jemand einen schweren, dich­ ten Vorhang zu einer anderen Welt aufreißen: Eben in Aserbaidschan war noch alles gedämpft und leer und wirkte wie in einem etwas heruntergekommenen Teil Europas. Jetzt verwandelt sich alles in pure Lebendigkeit. Direkt hinter dem Grenzkomplex öffnet sich die Straße und macht die Sicht frei auf einen geräumigen Platz in einem dicht bebauten, wuseligen Stadtkern. Menschen schwärmen umher, es ist laut und bunt. Händler erblicken die beiden Europäer und stürmen auf sie zu. »Change, change«, rufen sie immer wieder, sie wollen die mitgebrachten Devisen der Fremden in iranische Rial umtauschen. 100 US-Dollar wechselt Jonas, das sollte erst einmal reichen.

Alles sieht jetzt anders aus: Die persische Schrift auf den vielen Schildern, Bannern, Tafeln. Der Verkehr ist dicht und chaotisch, gelbe Taxen, bunte Karossen, dreckige Lastwagen, knatternde Mopeds und unzählige Menschen mischen sich auf überfüllten Straßen. Überall hängt Reklame, und gleich an der Grenze ein großes Plakat mit Bildern der geistigen Führer des Iran und einem Willkommensgruß.

Chaos auf den Straßen

Zum Staunen bleibt allerdings keine Zeit. »Los, wir haben schon so viel Zeit verloren heute«, sagt Jonas. Die beiden steigen auf ihre Räder und tauchen ein ins Treiben der Stadt. Jonas und Philipp sind als geübte Radler auch in Großstädten nicht leicht zu schocken. Aber der Verkehr im Iran ist chaotisch. Sie brauchen Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Alles hupt, dreht und wendet sich. Die beiden hoffen, dass es auf der Straße 49 nach Süden besser wird, denn die führt zunächst nur durch kleinere Ortschaften. Aber vorerst sind sie noch im dicht besiedelten Tal an der südwestlichen Küste des Kaspischen Meeres. Das »Tüt, tüt, tüt« der vorbeiziehenden Autos, Laster, Roller dröhnt ihnen in den Ohren. Oft begleiten sie dabei aufmunternde Rufe. »Die meinen das nett«, sagt Jonas. Manchmal ist aber auch ein warnendes Hupen dabei. Oder eben nicht. Plötzlich dreht ein Autofahrer mitten auf der Landstraße, kein Blinker, kein sonstiges Zeichen. Jonas entgeht mit Glück dem Aufprall. Später reißt jemand rechts am Straßenrand einfach die Fahrertür auf. Philipp kommt gerade noch drum herum.

Die beiden hätten viele Eindrücke, Herausforderungen und eben auch brenzlige Situationen zu verarbeiten. Stattdessen entscheiden sie sich fürs Weiterfahren, so weit sie heute kommen. In diesem Punkt hat Philipp schon Jonas’ Einstellung übernommen. So verbringen sie den ersten Nachmittag im Iran nicht mit Landeskunde, sondern damit, die Zeit aufzuholen, die sie mit dem Warten an der Grenze verloren haben. Die vielen neuen Eindrücke um sie herum machen sie mit der gewohnten Tätigkeit des Radfahrens greifbar, verarbeitbar. Außerdem steht seit ihrem Aufbruch vom Nordkap alles unter einem größeren Ziel. Auch wenn sie sehen, riechen, schmecken, sprechen und auch tasten – auf dem Weg zum Rekord, über die Straßen und das Geröll der Kontinente, auf der Suche nach dem Abenteuer sind die Landschaft, die Kultur und das Fremde doch immer Kulisse. Jonas und Philipp drehen und drehen die Pedale, rauschen durch die Länder, die Eindrücke sind schwer festzuhalten.

Dann fängt es an zu regnen, die Luft ist schlecht, der Verkehr erfordert Konzentration, und die Temperatur könnte auch wärmer sein. Es regnet jetzt immer stärker, und Jonas ist besorgt, denn das Tageslicht wird immer schwächer. Sie haben heute gerade einmal 200 Kilometer geschafft, aber mehr ist nicht möglich. Sie suchen sich irgendwo an der Straße ein Restaurant. Wo genau sie sich befinden, können sie nicht sagen. Die Schrift können sie nicht entziffern, ebenso wenig die Namen der Orte, die sie bei Google finden. Wichtig ist jetzt: essen, trinken, schlafen. Und morgen muss es besser laufen.

Zu Hause ohne Kopftuch

Im Restaurant gibt es Reis mit Grillfleisch, Gemüse und dazu ein Gespräch mit einem anderen Gast, der von hier stammt. Der erklärt ihnen, dass sie in Talesch sind, einer schnell wachsenden Stadt an der Küste des Kaspischen Meers. Die beiden Radler suchen noch einen Schlafplatz, aber die Hotels an der Küste kommen Jonas alle zu teuer vor. »Wir haben ein Budget«, mahnt er immer wieder. Philipp hat gerade eben ein Hotel gesehen, das ihm ganz gut gefallen hätte, denn er ist müde, und auch sein Hintern tut ihm weh. Er hat abends wenig Lust auf Extrarunden oder Suchaktionen, als Rheinländer und Künstler schaut er außerdem nicht auf jeden Cent.

Jonas erhofft sich von dem Iraner im Restaurant einen Tipp – und bekommt auch einen. Der Mann kennt eine Familie, zu der er die beiden bringen will. Als sie aufgegessen haben, setzt sich der freundliche Gesprächspartner auf seinen Motorroller, Philipp und Jonas steigen auf ihre Räder. Die Fahrt hinter dem Helfer entpuppt sich als Bonus-Challenge: Es geht durch den Ort und dann von der flachen Küstenebene auf eine Nebenstraße, die von Schlaglöchern durchsiebt ist. Sie führt einen Berghang hinauf, und es geht weiter und weiter. Philipp kann nicht aufhören zu fluchen. Sie müssen noch strampeln. Es ist schon dunkel, als sie vor einem gepflegten Zwei-Etagen-Haus ankommen. Es begrüßt sie eine iranische Familie. Ihren Gebetsraum im oberen Stockwerk vermietet sie regelmäßig an Gäste. Es gibt sogar eine kleine Küche, ein eigenes Bad und WLAN.

Drei Generationen der Familie leben unter einem Dach, und Philipp und Jonas treffen auf sehr freundliche Gastgeber. Die Familie sitzt auf Teppichen beim Essen, Philipp beobachtet wieder einen großen Kontrast. »Es ist, als würden die Leute zwei Leben leben, ein öffentliches und ein privates«, stellt er fest. Die Frauen laufen in den eigenen Wänden herum, wie es Frauen in Deutschland auch tun. Sie sprechen entspannt und freundlich mit den Fremden. Draußen dagegen, auf der Straße, haben die beiden Deut­ schen den ganzen Tag über nur Frauen und Mädchen mit Kopftuch gesehen, Frauen in der separaten Schlange – eine andere Kultur, über deren Trennungen und Diskri­ minierungen gerade in Deutschland die Diskussionen nicht abebben. Der Gottesstaat hat seine eigenen Regeln, und der öffentliche Raum hängt voll mit den Antlitzen der Mullahs und ihren Regeln – aber im eigenen Heim geht es offenbar deutlich entspannter zu.

Ein Tag voller Probleme

Am darauffolgenden Tag wollen die beiden früh los, Kilo­ meter gutmachen. Doch als sie aus der Haustür treten, schlägt ihnen heftiger Regen entgegen. So hatten sie es sich nicht vorgestellt um diese Jahreszeit im Iran. Es bleibt nicht das einzige Problem an diesem Sonntag – ein desaströser Tag steht den beiden bevor.

Jonas ist immer noch mit kaputter Speiche unterwegs, er hat bislang keine SIM­Karte bekommen. Diese Dinge wollen sie in Rascht, der nächsten Großstadt auf ihrer Route, regeln. Die Stadt hat weit mehr als eine halbe Million Einwohner und ist für Radfahrer ein Albtraum. »Immerhin kannst du dich gut orientieren«, lobt Philipp seinen Mitstreiter, und Jonas leitet die beiden zum Fahr­ radgeschäft.

Der kleine Shop ist mit Waren vollgestopft, an der Wand hängen »Schrotträder«, wie Philipp feststellt, Alltagsräder, Kinderräder. Die Mitarbeiter begrüßen das deutsche Duo freundlich. Sie können zwar mit dem Weltrekordversuch nicht so recht etwas anfangen, aber spannend finden sie es schon, den Gästen aus der Ferne zu helfen. Jonas zeigt sein Hinterrad, der Mechaniker beginnt mit der Reparatur. Bis dahin wirkt alles sehr professionell. Dann ist es Zeit für die Mittagspause. »Das glaub ich jetzt nicht«, sagt Jonas zu Philipp. Aber die Iraner setzen klare Prioritäten, und die Mittagspause dauert mindestens anderthalb Stunden. »Wenn man es eilig hat, sollte man vielleicht nicht in den Iran fahren«, witzelt Jonas, in Wirklichkeit ist er angefressen. Eigentlich wollten die beiden auch ihre Reifen erneuern lassen, um wieder auf Tubeless umzusteigen. Aber das würde jetzt zu lange dauern.

Während der Wartezeit besprechen sie auch die Frage, ob man mal einen Ruhetag einlegen sollte, wenn sie schneller vorankämen als geplant. Jonas ist strikt dagegen. Er widerspricht Philipps Idee entschieden: Niemals dürfe man bei einem solchen Rekordprojekt zur Ruhe kommen. Sie schauen auf ihre zurückgelegten Kilometer. In den vergangenen drei Wochen sind sie mehr als 5.000 Kilometer gefahren, weit mehr, als die Teilnehmer bei der Tour de France in derselben Zeit zurücklegen. »Unsere Grunderschöpfung ist so groß, wenn wir uns jetzt ausruhen würden, würden wir so schnell nicht mehr aufstehen«, glaubt auch Philipp.

Dass es weitergehen muss, ist also klar. Aber die Motivation sinkt bei Philipp an diesem Mittag in Rascht. Schon in den vergangenen Tagen hat vor allem Philipp körperlich wieder stärker gelitten. Sein Hinterteil schmerzt. Und in den Pausen werden seine Zweifel stärker.

Zum Glück kommt der Mechaniker aus der Pause zurück. Bestens gelaunt repariert er das Rad. Die beiden wollen sich schnellstmöglich wieder auf ihre Räder schwingen, doch natürlich muss noch Zeit sein für ein Selfie mit den Mitarbeitern des Geschäfts. Vielleicht können die Männer ihnen mit einer weiteren Sache weiterhelfen: Sie brauchen noch Kartons, mit denen sie später ihre Räder für den Flug zur nächsten Etappe verladen können. Der Ladenbesitzer sagt »No Problem!« und ruft einen Freund in Schiras an. Dort werden Jonas und Philipp ins Flugzeug in Richtung Ägypten steigen, und Hossein, so heißt der Bekannte des Radladenbesitzers, wird ihnen helfen. Versprochen.

Bevor es endlich wieder auf die Landstraße geht, verlieren die beiden noch mehr Zeit. Jonas kommt mit seinen Problemen nicht recht weiter. Auf dem Markt und auf der Straße probiert er, sich mit den Einheimischen zu verständigen, doch niemand spricht Englisch. Obst könnte man kaufen und Teppiche – dafür ist Rascht bekannt. Aber Dollars zu tauschen, und das zu einem akzeptablen Kurs, stellt sich als große Prüfung heraus. Noch schwieriger wird es, eine SIM-Karte zu finden, mit der Jonas den Kontakt zu seinen Followern verlässlich aufrechterhalten kann. Das ist ein Muss, selbst wenn die beiden hier ganz weit weg zu sein scheinen. Über das Smartphone sind sie ständig im Austausch mit der Welt, mit Fans und Freunden. Wenn an einem Tag kein Signal durchgeht, bedeutet das nicht nur, dass der regelmäßige Kontakt mit dem Publikum unterbrochen ist, sondern auch, dass sich Familie und Freunde zu Hause Sorgen machen. »Das war früher anders, da war man oft tagelang verschwunden«, stellt Philipp fest. Der hätte auch gut ein paar Tage ohne Kontakt zur Außenwelt leben können, aber für Jonas ist Social Media Teil der Profession. Und schließlich findet er doch noch eine Karte fürs Smartphone.

»Was war das für ein Scheißtag«, flucht Jonas abends, als die beiden in Rudbar im Neonlicht eines Restaurants sitzen. Er stochert in einem Reisauflauf herum, daneben liegen abgeknabberte Hähnchenschenkel. Die beiden haben heute gerade einmal 175 Kilometer geschafft. Am Ende sind sie, immer noch im Regen, über die vielbefahrene Straße 49 bergauf gefahren, die die Küste des Kaspischen Meers mit Teheran verbindet. Dann wurde es allmählich dunkel. Am Ende müssen sie in einem Hotel in Rudbar noch ungefähr eine halbe Stunde verhandeln, um sich mit den beiden Frauen hinter dem Tresen und einer weiteren Frau am Telefon über Preis und Währung zu verständigen: 20 Dollar und der Rest in Rial.

Rückenwind in der Wüste

Am folgenden Tag versuchen sie es erneut mit Aufbruchstimmung. Am Vorabend haben sie den Flug nach Afrika gebucht, er wird am kommenden Freitag gehen. Heute ist Montag. Um vier klingelt der Wecker, um halb fünf sitzen Jonas und Philipp auf ihren Rädern. Sie fahren ausnahmsweise in der Dunkelheit los. Es gibt zwar wenig Verkehr, aber die Fahrzeuge sind in einem desaströsen Zustand, es geht bergauf, die Luft ist schlecht. »Wo haben die diese Laster her?«, schreit Philipp. Uralte Modelle von DAF und Mercedes quälen sich den Berg hinauf und hinterlassen stinkende Abgaswolken. Wie ungesund dunkel sie sind, wird erst im Tageslicht deutlich.

Nach einem Stopp mit Frühstücksbrei mit Kokosraspeln und Zimt, den sie in einer Raststation am Wegesrand finden, steht die Sonne am Himmel – und Jonas und Philipp sind verblüfft. Sie schauen in eine Wüstenlandschaft. Gestern war alles noch grün. Jetzt ist hier kaum noch Farbe, sie sehen kaum mehr als Stein und Felsen. Mindestens dreieinhalb Stunden treten sie bergan, hinauf auf das persische Plateau. In einem der vielen Tunnel stauen sich die Abgase so sehr, dass die beiden kaum noch atmen können. Die in den Fels gebohrte Unterführung führt fast zwei Kilometer bergauf, es gibt keine Belüftung, das Licht ist schlecht. Ein einziger Laster reicht, um Atemprobleme zu bekommen. »Ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr weit ist bis zu einer Kohlenmonoxidvergiftung«, hustet Philipp danach mehr, als dass er reden kann.

Als sie oben ankommen, das Elburs-Gebirge durchquert haben und wieder hinabrollen auf das Plateau, blicken sie in eine überwältigende Landschaft in 2.000 Meter Höhe. Unter und vor ihnen liegt die Salzwüste, trocken, wellig, umrandet von mächtigen Bergmassiven. Das Licht wirkt wie Bleichmittel. Die Natur ist erhaben. Die Menschen auf der Straße sind weiterhin sehr freundlich, aber das nett gemeinte Hupen geht den beiden allmählich auf die Nerven. Vor allem die schlechte Luft macht ihnen zu schaffen, selbst hier oben in eigentlich freier Natur. Auch in den Orten, in denen sie zum Essen anhalten und die meist in Kesseln liegen, sammelt sich der Smog.

Jetzt weht enormer Rückenwind. Das haben sie direkt oben auf dem Pass gemerkt, und diese Unterstützung der Natur wird immer freundlicher. Die Luft drückt so stark in ihren Rücken, dass Jonas und Philipp kaum noch treten müssen, um 50 Stundenkilometer zu erreichen. Wenn sie treten, schaffen sie im dicksten Gang 120 Umdrehungen pro Minute, der Tacho zeigt mehr als 60 Kilometer pro Stunde. »So kommen wir ja viel zu früh in Schiras an«, scherzt Jonas, er erlebt den ersten stressfreien Tag der Reise. An ihrem ersten Tag auf dem Plateau haben sie ihre bislang längste Tagesetappe geschafft, mehr als 320 Kilometer.

Tränen in Isfahan

Vordergründig läuft es jetzt also rund. Wenn sie in Orte kommen, bieten die Einheimischen ihnen ständig Hilfe an, geben Tipps zu Essen und Schlafplätzen. Einmal dürfen sie in einem kleinen Gästeraum bei einer Moscheebaustelle übernachten. Aber Philipp macht sich Sorgen, und das Unwohlsein steigt. Die lange Zeit im Sattel – egal ob mit oder ohne Rückenwind – und das Klima in der Wüste mit Temperaturen jenseits der 30 Grad fordern seinen Körper. Die Schmerzen an seinem Gesäß sind kaum mehr zu ertragen.

Als sie nach zwei Tagen in der Wüste die Flussoase Isfahan erreichen, haben die beiden Radler ganz unterschiedliche Prioritäten: Jonas möchte den weltberühmten Imam-Platz sehen, den von prunkvollen islamischen Gebäuden eingerahmten Treffpunkt im Stadtzentrum. Isfahan gilt als Juwel, ein Magnet für religiöse Pilger und Unesco-Weltkulturerbe. Jonas möchte auf jeden Fall ein Bild der beiden in dieser Kulisse. Aber Philipp, der Fotograf, hat gerade andere Sorgen. »Bilder interessieren mich gerade gar nicht, ich will nur noch meinen Hintern versorgen.« Schließlich fahren sie schnell zum ImamPlatz und dann direkt ins Hotel. Draußen ertönen Gebetsrufe, die beiden lauschen dem Lärm der Großstadt, spüren den Reiz Persiens und der islamischen Kultur. Drinnen sitzt Philipp, wartet auf eine Pizza und cremt sich den Hintern ein.

Am nächsten Morgen steht Philipp mit Tränen in den Augen vor einer Klinik am Stadtausgang Isfahans. Er wollte auf Nummer sicher gehen. Freunde und Familie zu Hause hatten ihn per WhatsApp beunruhigt. Er solle aufpassen, mit so einem Abszess am Gesäß könne er sich in Lebensgefahr begeben, eine Blutvergiftung sei möglich. Das will Philipp zumindest ausschließen. Er geht in ein Krankenhaus, während Jonas auf die Räder aufpasst. Im Krankenhaus sieht er viele wartende Menschen mit Zetteln und eine Helferin, die ihn nicht versteht. Im Erdgeschoss vor einer Apotheke kommt er dann aber mit einer Frau ins Gespräch, die Englisch kann. Sie zögert nicht und vermittelt den Kontakt zu einem Arzt. Der wiederum unterhält sich mit Philipp auf Englisch, ein Pfleger kommt dazu, beide sind herzlich. Der Pfleger flitzt in die Apotheke und kauft auf eigene Rechnung eine Salbe aus Olivenöl für Philipp. Geld will er nicht annehmen. Der freundliche Arzt hat eine klare Botschaft: »Sie sollten nicht weiterfahren.« Philipp kann seine Emotionen nicht mehr beherrschen. »So eine Scheiße!«, flucht er, seine Augen werden feucht.

Die Sonne über Schiras

Der Fahrtwind trocknet Philipps Tränen. Er hat jetzt Olivenölsalbe dabei und scheint einen »Schlüssel« gefunden zu haben. Irgendetwas ist bei ihm passiert, das rein physisch nicht zu erklären ist. Jonas wundert sich, als er den Mitstreiter fahren sieht. Der hatte in den vergangenen Tagen nur noch geklagt. »Es ist, als hätte es eine Wunderheilung gegeben«, sagt er. Philipp fährt einfach. Er hat zwar Schmerzen, aber er hat auch seine Bestimmung gefunden, zumindest für diese Tage. Es geht weiter durch die Wüste, durch eine atemberaubende Landschaft. Die Sonne wirft harte Strahlen durch die Wolken in die staubige Luft und in die Wellen aus Gestein am Horizont. Sie begegnen Menschen, die immer und immer wieder herzlich grüßen, winken, die die beiden sofort ansprechen. Wenn sie essen, sitzen sie manchmal unter Bildern der Ayatollahs, doch mit Allahs Wächtern kommen sie nicht in Kontakt.

Am Donnerstag, dem 3. Oktober, beginnt ihr letzter Tag auf Irans Straßen. Sie stehen vor Sonnenaufgang auf. Als das Licht über den Horizont in die Gebirgswelt tritt, überkommt die beiden mehr als nur Staunen. »Das ist der beste Sonnenaufgang, den ich je gesehen habe«, stellt Jonas auf der um diese Zeit noch leeren Straße fest. An diesem Tag liegen noch ein paar harte Anstiege vor den beiden, ehe sie nach Schiras hinabrollen. Es geht runter ins grüne Tal, eingekesselt von mächtigen Bergen, die Sonne scheint auf die Millionenstadt mit ihren weißen Häusern und der beeindruckenden Zitadelle des Karim Khan. »Ein Traum«, jubelt Philipp, auch wenn er inzwischen mit zwei aufgeschnittenen Schuhen fährt. Seine Füße sind so angeschwollen, dass die kleinen Zehen Raum brauchten und jetzt jeweils aus einem Loch im Schuh herausschauen.

Sie besichtigen die kolossalen Mauern der Zitadelle, fahren in eine Fußgängerzone, kaufen eine Melone und teilen sie. Danach finden sie recht schnell ein Hotel, ordentlich und gut ausgestattet. Die Nacht kostet etwa 15 Euro, Jonas muss mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. Das Rückgeld bekommt er vom Rezeptionisten in Rial. »Das ist mein halbes Monatsgehalt«, stellt der junge Mann fest. Nicht verzweifelt, nicht neidisch, einfach nur so. Das beeindruckt Philipp und Jonas. Der Iran, ein Land, über das man in Deutschland so viel Negatives liest, eine Gesellschaft mit enormen ökonomischen Problemen – und doch erleben sie die Menschen nur als positiv, offen, freundlich.

Bereit für das nächste Abenteuer

Dann meldet sich tatsächlich Hossein, der Bekannte des Radladenbesitzers aus Rascht. Er hat den Weg des deutschen Gespanns im Netz verfolgt, kontaktiert jetzt Jonas und kommt dann ins Hotel. Er bringt den beiden ahrradkartons, perfekt geeignet für das Verstauen und die Weiterreise am kommenden Tag. Abends zeigt Hossein den beiden Gästen aus dem Westen noch die Stadt, gemeinsam gehen sie essen. Ein letzter Abend im Iran, mit positivem Gefühl.

Am nächsten Tag schlafen die beiden aus: bis 8 Uhr. So viele Stunden am Stück wie lange nicht mehr. »Jetzt bloß nicht in einen Ruhemodus kommen«, mahnt Jonas sofort. Noch haben sie zu tun, alles verpacken und sichern. Dann geht es zum Flughafen. Wieder begleitet Hossein sie, er nimmt sich Zeit und hilft beim Übersetzen.

Einen kleinen Konflikt hat Jonas dann kurz vor der Ausreise doch noch mit der Ordnungsmacht Irans. Während Philipp in Joggingkleidung ins Terminal des Flughafens Schiras schreitet, ist Jonas wie immer in Radkleidung unterwegs. Gewicht ist ihm wichtiger als sein Erscheinungsbild. Ein Polizist winkt ihn heran, nimmt ihn mit für ein Gespräch. Dieser Auftritt sei nicht angemessen für die Öffentlichkeit, sagt der Beamte. Jonas lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen. »Ich kann das nicht ändern, ich habe keine anderen Kleider mit«, sagt er. Dann darf er weiter zum Flieger. Als die beiden in der Maschine sitzen, die sie nach Schardscha, ein arabisches Emirat, fliegt, von wo aus sie dann nach Kairo weiterreisen, staunen sie nicht schlecht: Die meisten Frauen, eben noch eng verdeckt, reißen nun ihre Kopftücher vom Gesicht.

Als sie so dasitzen, zum ersten Mal seit vier Wochen für einige Stunden am Stück ohne eigene Bewegung, ziehen sie eine Zwischenbilanz. »Das ist ein riesengroßer Haken, den wir machen können, eine großartige Erfahrung«, sagt Philipp. Jonas schaut erfreut zu ihm rüber. »Bei ihm hat sich in dem Moment wirklich etwas verändert. Allein auf dem Flug hat sich bei ihm eine riesige Entwicklung gezeigt«, berichtet Jonas später. Philipp habe eine völlig neue Stärke gewonnen, getrieben von der positiven Erfahrung.

Im Surren und Rauschen der Maschine, im grellen Kabinenlicht, sitzen Jonas und Philipp in ihren Sesseln wie in einer Kapsel jenseits ihrer Welt. Es ist, als hätte man sie für einige Stunden aus dem Spielfeld genommen, sodass sie von außen einen Blick auf ihr Treiben werfen können. Jonas freut sich über Philipps neuen Elan. Er freut sich auf Afrika, auf Ägypten, auf den Weg nach Süden. Vor seinem geistigen Auge sieht er Sonne, Sand und Rückenwind. »Das wird jetzt richtig abgehen«, sagt er zu Philipp.

Doch der schaut plötzlich wieder skeptisch. »Ich bin mir da nicht so sicher.« Was für Jonas Russland war, das ist für Philipp Ägypten.

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